Der Titel ist überspitzt und enthält reisserische Züge, ich gebe es zu. Doch ich meine es schon auch ernst. Durch die Abschaffung der inhaltsleeren, mit Sonder- und Geheimcodes weichgespülten und somit nutzlosen Arbeitszeugnisse können allein in der Schweiz über 300 Stellen eingespart werden. Mit anderen Worten: 300 Fachkräfte beschäftigen sich neu mit wertschöpfenden, sinnvollen  Aufgaben. Spinnerei? Populismus? Utopie? Mag sein. 

Für mich war es eines der Fachbücher des Jahres: Mythos Fachkräftemangel von Martin Gaedt. Darin zeigt der Berliner Unternehmer und Speaker auf, dass der Mangel an Arbeits- und Fachkräften zum Teil – nach seiner Ansicht zu einem grossen Teil – hausgemacht ist. Und er skizziert Lösungen. Ein Lösungsansatz, den der kreative Autor übersehen hat, ist die Abschaffung der Arbeitszeugnisse.

«Die Abschaffung der Arbeitszeugnisse entschärft den Fachkräftemangel»

Klar, Sie haben mich zu Recht im Verdacht, meine vage Idee mit den Arbeitszeugnissen schlagzeilenwirksam mit dem medialen Hype um den Fachkräftemangel zu verbinden. Ich gebe es unumwunden zu. 300 Stellen bzw. Fachkräfte mehr oder weniger lösen die Problematik unbesetzter Stellen natürlich nicht. Doch es ist ein Gedankenstupser wert, ob es sich lohnt, schweizweit über 300 Stellen für die Abwicklung eines bisweilen fast schon folkloristischen Instruments in der Arbeitswelt zu investieren.

300 Stellen schweizweit für Arbeitszeugnisse: Die (Ab-) Rechnung

Die Schweiz zählt gemäss Bundesamt für Statistik aktuell 4’903’000 Erwerbstätige. Ich nehme mal vorsichtig an, dass jede/r Zehnte im Verlauf eines Jahres ein Zwischen- oder Schlusszeugnis erhält. In der Schweiz werden also gerundet Jahr für Jahr 500’000 Arbeitszeugnisse erstellt. IMG_0332Die Erstellung eines Zeugnisses dauert, sagen wir einmal, 45 Minuten. Davon investiert die Linienführungskraft 15 Minuten und HR für das Erstellen, Einholen der Unterschriften, Korrekturen etc. 30 Minuten. Und jetzt zücke ich den Taschenrechner… Moment, kann etwas dauern… Den Rauchern gönne ich in der Zwischenzeit ein Zigarettchen – die Nichtraucher können gerne mitschmunzeln:

Also, nun zu meiner Rechnung: Schweizer Arbeitgeber haben in ihren Beständen nach meinen vorsichtigen Berechnungen über 200 Stellen, lediglich um Arbeitszeugnisse abzuwickeln. Doch damit nicht genug: Rechnet man die ganze Arbeitszeugnisindustrie dazu, sind es weit über 300 Stellen. Die (Ab-) Rechnung geht nämlich so:

Aufwand für unstrittige Arbeits- und Zwischenzeugnisse gerundet 210 Stellen
Rechtsstreitigkeiten (Annahme: 10 Prozent aller Zeugnisse)   20 Stellen
Arbeitsgerichte   20 Stellen
Anwälte, Rechtsschutz, Informationsstellen   30 Stellen
Autorenaufwand für Bücher, Fachartikel, etc.   10 Stellen
Schulungsaufwand (Trainings, Kurse, Weiterbildung)   40 Stellen
Gebundene Ressourcen durch/für Arbeitszeugnisse 330 Stellen
– in Schweizer Franken 30’000’000

Eine Tabelle des Schreckens. 30 Millionen Franken geben Firmen, Steuerzahler und Private aus, um ein mehr und mehr wertloses Instrument im Selektionsprozess am Leben zu erhalten. Über 300 Personen tüfteln schweizweit an Formulierungen, die darauf abzielen, möglichst keine Probleme oder gar den Gang vor Arbeitsgericht und somit noch mehr Aufwand zu provozieren. Kann es das sein?

Der Lösungsansatz: Das Berufsregister

Es ist an der Zeit, die Frage, ob man mit diesem Instrument wirklich auch in den nächsten Jahrzehnten weiterfahren soll, zu überdenken – und Lösungsansätze frechmutig andenken. Andere tun das auch. Karl-Heinz List, ehemals Personalchef bei Olympus, denkt in eine Richtung, die auch mir vorschwebt. List nennt es Job-Profil. List denkt wie ich auch pragmatisch und realistisch. Die bis zur Unkenntlichkeit verklausulierte (Nicht-) Beschreibung von Leistung und Verhalten ist ganz einfach ein Fakt. Erst einmal akzeptiert, kann man diesen Part der Zeugnisgeschichte getrost ad acta legen. Bleibt die wertneutrale Beschreibung dessen, was die Arbeitnehmerin oder der Arbeitnehmer gearbeitet hat. Also die nüchterne Beschreibung der Arbeit beziehungsweise der Aufgaben. List schlägt vor, im Job-Profil zusätzlich die für die Aufgabenerfüllung erforderlichen Kompetenzen aufzuführen. Keine schlechte Idee, wie ich finde.

Foto Olgas Arbeits Büchlein 1In der früheren Sowjetunion wurde ein solches pragmatisches Beschreiben der einzelnen beruflichen Stationen über Jahrzehnte praktiziert. Das Berufsleben wurde ganz einfach in einem Arbeitsbüchlein festgehalten. Trudowaja Knischka (frei übersetzt) hiess das kleine Grüne mit schnörkellosem Inhalt aber gewichtigen Stempeln.

Warum diesen Ansatz einer zentralen Auflistung des beruflichen Werdegangs nicht in unsere Zeit transferieren?

Foto Olgas Arbeitsbüchlein 2

Alle in der Schweiz Erwerbstätigen sind hier registriert, sie zahlen Sozialversicherungsbeiträge. Ausgehend von dieser Überlegung könnten in einem Berufsregister die beruflichen Stationen direkt von den HR-Abteilungen erfasst werden.

«In einem Berufsregister kann der berufliche Werdegang kompakt abgebildet werden.»

Der Platz in diesem Register wäre sinnvoll eingeschränkt, eine einfache Benutzerführung würde den administrativen Aufwand schlank halten. Das Schweizer Berufsregister wäre verlinkt mit den Datenbanken weiterer im Selektionsprozess genutzter Dokumente. Zum Beispiel dem Zentralstrafregister oder dem Betreibungsregister. Die Bewerber entscheiden im Verlauf des Bewerbungsprozesses, wann sie der Recruiterin Einsicht in welche ihrer Register geben möchten. Das erfolgt, so ähnlich wie die Freigabe von Ordnern in Datenbanken wie Dropbox, durch wenige Mausklicks und dem Auslösen eines Zugrifflinks. Kostenlos und in Sekunden, kein aufwändiges Einfordern der Papiere.

Tönt gut, finden Sie? Schön, dann fehlen uns Beiden für eine Volksinitiative ja nur noch 99’998 Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

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