„Hast du in den letzten Tagen im Zug dein E-Ticket gezeigt, im Tram deinen Kontostand gecheckt und im Café ein E-Mail verschickt? Speicherst du Daten in der Cloud und hast du dank deiner Apps immer Zugriff? Hinter all dem steckt Swisscom. Damit weiter alles rund läuft, braucht’s dich hier.“ Wow, auch so können Stelleninserate getextet sein. Doch die Swisscom beschränkt sich bei ihren brandneuen Stelleninseraten nicht nur auf sorgfältige Texte, sondern nutzt auch sonst die Möglichkeiten des Web 2.0. Das ist wunderbar, endlich mal wieder ein bisschen Bewegung im Stelleninserateeinerlei.

IMG_4237Die Swisscom ist in vielerlei Hinsicht ein spezielles Unternehmen. Mit fast 20’000 Mitarbeitenden ist sie eine der grössten Arbeitgeberinnen der Schweiz und mehrheitlich im Besitz des Bundes. In den letzten Jahren hat das Unternehmen einen eindrücklichen Wechsel vom ehemaligen Staatsmonopolisten zum erfolgreichen und hochprofitablen Kommunikationsdienstleister vollzogen. Der Arbeitgeberauftritt des Unternehmens ist schon heute in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Jetzt hat das Unternehmen aus Worblaufen im Kanton Bern auch die Stelleninserate auf Vordermann gebracht. IMG_3972Judith Oldekop, Head of HR Marketing und ihr Team haben in den letzten Monaten fast pausenlos an den neuen Stelleninseraten gewerkelt. Das Resultat kann sich sehen lassen. Ach, was sage ich: Es gefällt mir ausserordentlich gut! Sogar am (zum Glück verregneten) letzten Sonntag war Judith in ihrem Office am Feilen der letzten Details. Und weil auch in Ennetbaden Bloggerwetter war (es war grau, verregnet, kurzum: besch….eiden), konnte ich Judith kurz stören und ihr ein paar Informationen zum neuen Design der Swisscom-Stellenanzeigen entlocken.

Sorgenkind Stelleninserate

Es ist ja eigentlich schon sonderbar. Alle sprechen vom Web 2.0, vom Fachkräftemangel, von Social Media, Blogs oder Active Sourcing. Im aber hier und heute aktuell noch immer wichtigsten Kommunikationskanal im Personalmarketing begegnet den ja ach so umworbenen Zielgruppen noch immer (meist) das nackte Grauen. Die Stelleninserate aus den 1960-er Jahren wurde ein pdf-Mäntelchen umgelegt und schwuppdiwupp gehen sie nun also online-Inserate durch das Webzeitalter. Einer schreibt dem Anderen ein paar Worthülsen ab, ein paar iStockphotos draufgepappt – fertig ist das Stelleninserat. Die Möglichkeiten des Web 2.0 werden links liegen gelassen. Was ist mit dem künftigen Team, wie es zum Beispiel mit Equipia wunderbar eingebunden werden könnte? Mit dem künftigen Chef oder der Chefin? Mit Einblicken per Video? Kürzlich wurde sogar die alte Mär wieder verbreitet, Printinserate seien hochwertig und hätten auch darum eine Zukunft. Quatsch. Die Zukunft sieht ganz anders aus – so wie zum Beispiel bei der Swisscom. Die haben zusammen mit ihren Partnern Namics und der Blogger Friendly Company Prospective eine zauberschöne und zeitgemässe online-Inserat kreiert („gelongscht“ sagt man glaube ich heute…).

Swisscom: Auf Du und Du mit den Bewerber/-innen

Was zuerst einmal auffällt ist die Ansprache. Einerseits gefällt mir sehr, wie Swisscom versucht, ihre Zielgruppen emotional abzuholen. Das tönt dann so wie eingangs zitiert oder auch so: „In Sachen Servicekultur kann dir keiner das Wasser reichen: Du bist der geborene Dienstleister und gehst deinem 15-köpfigen Team immer mit gutem Beispiel voran.“ Da steckt einiges mehr an Leidenschaft und Freude am geschriebenen Wort, aber auch an Informationen, in diesem einen Satz als in fünf ganzen herkömmlichen Inseraten. Was noch auffällt: die potenziellen Bewerbenden werden geduzt. Da muss ich sofort nachfragen. Judith Oldekop, ist das jetzt die Facebookisierung im Stelleninserat? Judith Oldekop lacht schallend, meint: „Es ist ganz einfach, Jörg. Wir duzen, weil das Swisscom ist. Es ist Teil und Ausdruck unserer Kultur, unseres Umgangs untereinander. Bei Swisscom duzen sich alle Mitarbeitende untereinander. Also lassen wir nun auch über die Stelleninserate alle wissen, dass für uns eine Du-Kultur kein Widerspruch zu einer Leistungskultur ist.“ Finde ich mutig, passt irgendwie, ja, und doch bin ich etwas überrascht – schliesslich ist Swisscom nicht ein junges Start-up, sondern der ehemalige Monopolist. Genau hier setzt Judith Oldekop an: „Wir sind halt in der Tat anders, als viele denken. Die Swisscom ist dynamisch, innovativ, modern. Die direkte Du-Ansprache repräsentiert diesen Mindset. Ausserdem ist in der ICT Branche das „Du“ etabliert. Warum sollten wir unsere Zusammenarbeitskultur nicht auch nach aussen tragen? Menschen interessieren sich für einen Arbeitgeber, wenn sie das Gefühl haben, er passt zu ihnen. Mit dem innerhalb der Swisscom etablierten Du sprechen wir übrigens auch die internen Mitarbeitenden besser an. Das ist uns besonders wichtig, weil wir alle Stellen auch auf dem internen Arbeitsmarkt ausschreiben.“ Gefällt mir, wie die Swisscom das durchzieht. Obwohl – nicht ganz. In der französischen Schweiz wird immer noch in der distanziert-höflichen Sie-Form („vous“) geworben. Damit nimmt der Telekomriese Rücksicht auf die etwas anderen Begebenheiten in der Westschweiz, wo die Du-Kultur noch nicht übergreifend etabliert ist. „Auch hier sind wir wieder konsequent: Da wir in der Westschweiz bei uns intern das „tu“ noch nicht überall etabliert haben, können wir es auch nicht zu 100% nach aussen tragen. Noch nicht.“

Gelungen! Das neue Stelleninserat

Dynamisch, interaktiv, modern. So sollen die neuen Inserate gemäss Swisscom-Definition sein. Tönt ein bisschen abgedroschen – ist es aber dann im Resultat zum Glück nicht. Die Inserate wirken fast ein bisschen spielerisch, sind aber doch aufgeräumt. Vor allem aber sind sie informativ, emotional und wirken hochwertig.

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Nach dem Aufrufen des Inserates erscheint eine Kurzbeschreibung, die ausführliche Stellenbeschreibung lässt sich aufklicken. Diese überzeugt wie bereits erwähnt mit einer wirklich schönen und ansprechenden Sprache. Das Hintergrundbild ist schön, naja, vielleicht etwas klischeehaft, aber immerhin gut geeignet, um den Text nicht zu dominieren.

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Mit dem „Wischeffekt“ können zusätzliche Informationen in den Vordergrund gerückt werden, die Anstellungsbedingungen oder das Umfeld. Dort werden zusätzliche Argumente, die für die Stelle bzw. die Swisscom als Arbeitgeberin sprechen, per Video erklärt. So werden die Bereiche und die Entwicklungsmöglichkeiten anschaulich gemacht. Das ist unterhaltsam und informativ gleichermassen.

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Schön gelöst ist auch der untere Teil der Anzeige. Er enthält weitere Informationen, insbesondere das Suchfeld, um weitere Stellen zu suchen. Und den direkten Weg zum zuständigen HR-Manager. Sehr persönlich.

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IMG_2979Judith Oldekop, stolz auf das neue Inserat? „Ehrlich gesagt, schon, ja. Mir gefällt es wirklich sehr. Ich finde es aber nicht nur optisch gelungen, sondern es bringt uns auch im Hintergrund wesentliche Vorteile. Der ganze Stellenmarkt wird von Prospective gehostet, wir haben also neu ein zentrales Inseratemanagement-Tool, heute haben wir zwei Tools, was natürlich die Prozesse umständlich macht und verlangsamt. Unsere Inserate erscheinen neue alle im selben Look&Feel, egal in welchem Kanal. Die einzige Ausnahme davon ist – sinnvollerweise – die Mobile-Version. Und auch unsere internen Kandidaten sehen das selbe wertige Inserat und nicht mehr wie heute eine abgespeckte pdf-Version. Das ist auch ein wichtiges personalpolitisches Statement nach innen. Und ausserdem ist unser neues online-Inserat auf Tablets lesbar, Google-freundlich und flexibel in der Designanpassung.“

Hoffentlich findet das online-Stelleninserat der Swisscom viele Nachahmer. Auf das an Stelle der üblichen Floskelwüsten und Bla-Bla etwas mehr Farbe, Freude und Emotionen in die Inseratewelt kommen.

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