Ich mach einfach mal den Gorm und sage: Ich bin entzückt! Im Zürcher HB eröffnet ein neuer „Bürger King“, oder besser gesagt, ein „Bewerber King“. Also ein Geschäft, bei dem die Bewerber Könige sind. Anfang September laden die SBB in ihr Berufswelten Café, dem vermutlich ersten Schweizer Pop-Up Store für Jobs.

Gorm („Ich bin entzückt¨) war einer der Charaktere aus der Zeichentrickserie Wickie und die starken Männer. Wenn es um Strategien gegen den Fachkräftemangel geht, setzen viele Firmen jedoch lieber auf ein anderes Fabelwesen: Den digitalen Messias. Dieser, so die Hoffnung, würde in Form toller Apps, magischer Algorithmen oder gescheiter Roboter das Problem dann schon lösen.

Bei dieser Überlegung bleiben aber nicht selten diejenigen auf der Strecke, um die es eigentlich geht: Die Talente. Die Fachkräfte. Die Menschen. Weil zuwenig überlegt wird, wie sich diese informieren wollen und ganz generell, was deren Bedürfnisse sind.

Wenn die Kunden, in unserem Business auch Bewerber genannt (und nicht selten immer noch als Bittsteller behandelt), nicht zu uns kommen – vielleicht sollten wir dann halt ganz einfach zu ihnen gehen? Eigentlich logisch.

Im Active Sourcing über die Business Netzwerke  etabliert sich diese «auf-Menschen-zugehen-Haltung» mehr und mehr. Man spricht interessante Menschen pro-aktiv auf Xing oder LinkedIn an. Aber warum das Ganze nicht auch von der digitalen auf die reale Welt übertragen? Inspirationen gäbe es genug:

  • Food Trucks sind in. Sie fahren dorthin, wo sich potenzielle hungrige Mäuler aufhalten.
  • Störköche kochen zu Hause bei Menschen, die sich in den eigenen vier Wänden wohl fühlen, aber nicht auf die Annehmlichkeiten eines gepflegten Restaurantbesuchs verzichten wollen.
  • Der Migros-Verkaufswagen brachte Dinge des täglichen Gebrauchs in die Quartiere und der Verkaufswagen der Molkerei Schütz in Niederuzwil Milchprodukte und andere Lebensmittel sogar direkt an die Haustüre meiner Eltern. Ein Hammerservice!
  • Pop-up Stores hauchen den Innenstädten neues Leben ein. Geschlossene Geschäfte werden bis zur nächsten Vermietung zwischengenutzt. Davon profitieren Künstler, Start-up’s und selbst Grosskonzerne wie IKEA, das kürzlich Skuras, Tjena, Fräck und Co. aus den gesichtslosen Gewerbezonen an die Zürcher Bahnhofstrasse brachte.

Gerade diese Pop-Up’s bringen mich immer wieder ins Schwärmen.

Frühlingsgefühle

Ich hab’s“ dachte ich wickiemässig, als ich im Mai durch den Zürcher Hauptbahnhof hetzte und spürte die Personalmarketingfrühlingsgefühle mal wieder ganz heftig. Auf Instagram postete ich:

 

 

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Wer ist #firstmover und eröffnet den ersten #popup Recruitingstore in Zürich?! #personalmarketing #hr #recruiting

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Prompt meldete sich der hmm… analoge Messias höchstpersönlich – in der Person von Erika Ingold, bei der SBB verantwortlich für HR Sourcing, Recruiting & Talents. Sie versprach, sich um meinen Wunsch zu kümmern und kündigte ein Pop-Up für die Berufswelt im Hauptbahnhof Zürich für den Spätsommer an. Jetzt lässt sie ihren Worten Taten folgen!

Am 5. September 2018 öffnet das meines Wissens erste Pop-Up Jobcenter der Schweiz für fast einen Monat seine Tore. Die SBB nennen es:

Berufswelten Café

Das Berufswelten Café wird im ShopVille Zürich, direkt unter der Bahnhofshalle des Zürcher Hauptbahnhofs eingerichtet. Fast eine halbe Million Menschen frequentieren den grössten Schweizer Bahnhof täglich, steigen ein und um, kaufen ein, verpflegen sich und können sich also bald auch über neue berufliche Anschlussmöglichkeiten informieren.

Eine grossartige Sache, natürlich musste ich sofort nachfragen. Ich habe mich an den Ort des Geschehens begeben und mich im Hauptbahnhof Zürich mit Corinne Kuhn getroffen. Sie ist die verantwortliche Projektleiterin im Team von Erika Ingold und ich konnte ihr schon vor dem Start exklusiv ein paar Informationen entlocken. 

 

Alle Informationen und ein paar zusätzliche Details gibt’s hier im Interview mit Corinne Kuhn, Head Employer Branding bei der SBB, zum Nachlesen: 

Corinne, ein Pop-Up Store für die SBB als Arbeitgeberin – was steckt dahinter?

Corinne Kuhn: „Studien zeigen, dass in der Schweiz in den nächsten 10 Jahren rund eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen. Diesem Fachkräftemangel sieht auch die SBB entgegen. Deshalb wollten wir neue Wege gehen, um potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten für die spannende Arbeitswelt der SBB zu gewinnen. Eine Idee ist das SBB Berufswelten Café – was eignet sich besser, als die eigenen Bahnhöfe zu nutzen?“

 

Was geht ab auf der Pop-Up-Fläche im Zürcher HB?

Corinne Kuhn: „Wir bieten in unserem Berufswelten Café allen Interessierten einen Einblick in die SBB Berufswelten. Wie der Name sagt, gibt es dazu natürlich auch einen feinen Kaffee oder Cappuccino. Bei der SBB steht der Mensch im Fokus. Deshalb steht für uns vor allem das Gespräch zwischen unseren Mitarbeitenden aus den verschiedenen Berufen und den interessierten Café-Besuchern im Vordergrund. Denn niemand kann besser mit Herzblut erzählen, wie der Job funktioniert, als jene, die ihn täglich ausüben. In einer angenehmen Atmosphäre, bei einer guten Tasse Cappuccino können sich Interessierte mit potenziellen künftigen Kolleginnen und Kollegen austauschen. Dass die SBB über 150 Berufsprofile hat, wissen die wenigsten. Wir möchten allen Interessierten die Gelegenheit geben, mehr über unsere spannenden Berufe zu erfahren.“

 

Und die Menukarte bleibt über die ganze Zeit fix?

Corinne Kuhn: „In Bezug auf die Getränke schon, ja. Aber wir bieten in der Tat, um Dein Wort aufzunehmen, wöchentlich wechselnde Menus. In der Eröffnungswoche stehen die klassischen Bahnberufe im Zug im Mittelpunkt, man kann sogar im Simulator durch den Gotthard rauschen in der Rolle als Lokomotivführerin, Kundenbegleiter oder Zugverkehrsleiterin. Oder mit einer soeben veröffentlichten VR Anwendung die Schweiz beispielsweise aus der Sicht des Lokomotivführers entecken. Ein echtes Erlebnis. Wir setzen aber auch thematische Schwerpunkte. So informieren wir in der Woche vom 10. September darüber, welche Werte wir leben und was wir alles für eine ausgewogene Work-Life-Balance und in Sachen Diversity tun. Dann widmen wir uns der Digitalisierung und den Berufsfeldern in der Informatik. Dabei lassen wir die Besucherinnen und Besucher aktiv an der Entwicklung einer App mitmachen. Und zum Abschluss lassen wir in der letzten Septemberwoche die Interessierten selber erleben, wie es sich anfühlt, als uniformierter Markenbotschafter oder als uniformierte Markenbotschafterin durch den Zürcher Hauptbahnhof zu laufen.“

 

Da wird ja ganz schön viel geboten. Nehmt Ihr auch Bewerbungen entgegen – oder führt Ihr sogar Vorstellungsgespräche vor Ort?

Corinne Kuhn: „Wer seine Bewerbung dabei hat und diese bei uns abgeben will, kann das sehr gerne tun. Wir nehmen sie mit und erfassen sie in unserem Rekrutierungssystem. Vorstellungsgespräche führen wir dann aber gerne an einem ungestörten Ort und in einem diskreten Rahmen.“

 

An wen richtet sich der Store speziell? Peilt Ihr gewisse Zielgruppen speziell an?

Corinne Kuhn: „Das Café richtet sich an alle, die sich über die Berufswelten der SBB informieren möchten, mit ihren Talenten etwas Grosses erreichen möchten und die Schweiz bewegen wollen.“

 

Wird es ähnliche Cafés auch in anderen Bahnhöfen geben?

Corinne Kuhn: „Das SBB Berufswelten Café im Bahnhof Zürich ist für uns ein Pilotprojekt. Falls es auf Interesse stösst, werden wir noch anderen Bahnhöfe besuchen – vor allem auch in der Westschweiz.“

 

Setzt die SBB nun in Zukunft im Recruiting weniger auf digital und mehr auf persönliche Kontakte?

Corinne Kuhn: „Der persönliche Kontakt ist nicht ersetzbar, denn der Mensch steht immer im Fokus. Mit dem Berufswelten Café auf der Pop-Up Fläche fördern wir vor allem den Austausch zwischen SBB Mitarbeitenden und potentiellen Bewerbenden. Ausserdem können wir Interessierten so bereits erste Einblicke in unsere spannenden Arbeitsgebiete ermöglichen. So erfahren sie nicht nur etwas über die Aufgaben, sondern auch über die Kultur und das Arbeitsumfeld bei der SBB. Ich bin überzeugt, dass wir mit einer optimalen Mischung aus persönlichen und virtuellen Kontakten viele Interessierte erreichen.“

Liebe Corinne, ich wünsche Euch und dem ganzen SBB-Team viel Erfolg mit Eurem Café, diesem wunderbaren Lotsen durch die Berufswelt. 

 

Raus aus den HR-Reservaten

Firmen wie die SBB, die sich nicht verstecken und hin zu den Interessierten gehen, bringen viel frischen Wind in ihren Arbeitgeberauftritt. Und sie sind damit nicht alleine: Auch das Kinderspital Zürich, hotellerie suisse oder die Bäckereikette Ströck haben mit ihren pfiffigen Ideen auf dem Arbeitsmarkt schon kräftig stossgelüftet. Ihre zauberschönen Beispiele und weitere Ideen, wie Sie Ihre Jobs direkt vor Ort an den Mann oder natürlich an die Frau bringen können, lesen Sie im nachstehenden Denkzettel, einem von total 18 aus meinem neuen Inspirationsbuch für einfaches, kundenorientiertes Personalmarketing

 

 

 

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