Ich mag Rituale. Sie geben eine gewisse Struktur, einen roten Faden. Auf ihrem Nährboden wächst Vorfreude auf das nächste Mal. Vermutlich habe ich das von meinem Vater geerbt – er ist zweifelsohne genau jetzt mit dem Zug auf seinem allsonntäglichen Reisli ins Appenzellerland. Sein Ritual. Mein Lieblingsritual ist ein anderes. Selbstredend meine ich nicht das jährliche Ausfüllen der Steuererklärung. Auch meinen halbjährlich freundlich per Postkarte, neuerdings per SMS, angemahnten Besuch bei meiner Dentalhygienikerin meine ich sicher für Alle nachvollziehbar damit nicht. Und ich spreche natürlich auch nicht vom Ritual einiger Gewerkschaften, das Bild vom bösen Arbeitgeber und den armen Büezern zu zelebrieren, die (Arbeits-) Welt als Teil ihres Businessmodells schlechtzureden und mit schöner Regelmässigkeit ihr Mantra von A wie Abzocke bis M wie Mobbing herunterzubeten (wobei ich dem Selbstversuch natürlich einen gewissen Respekt zolle). Nein, ich spreche vom sonntäglichen Ritual des ungestörten Konsums der SonntagsZeitung, von ziemlich viel Kaffee und sanft dahinplätschernder Musik. Ich spreche also gewissermassen von buckmannliest. Auch dieses Wochenede habe ich wieder ein bisschen gelesen. Fachliteratur einerseits, dann wieder bis spät abends im Internet gesurft und heute dann wie erwähnt in der SonntagsZeitung geblättert. Schon noch speziell, welche Gedanken sich da so durch mein auf „weekend-stand-by“ gepoltes Gehirn zwängen. Lassen Sie mich zwei Gedanken mit Ihnen teilen (den Rest behalte ich besser für mich…):
Studien zu Social Recruiting und so

Im Moment wartet rund ein halbes Dutzend Fachzeitschriften darauf, dass sich mein vorweihnatlicher Lesestau auflöst, was nun nach und nach geschieht. Immer wieder beliebt sind Artikel über neue Studien, so auch im Sonderheft „Recruiting Tomorrow“: 65% der Firmen nutzen Social Media für Recruiting, lautet die Schlagzeile und auch anderswo wurde darüber geschrieben und gebloggt. Okay, denke ich mir, 65% (in Worten: fünfundsechzig Prozent)… Ja, aber, wo ist sie denn, diese Mehrheit aller Arbeitgeber? HR Consultant Henner Knabenreich, der auf Facebook die vermutlich umfassendste Sammlung von Karriere-Fanpages betreibt und den Markt intensiv beobachtet (und darüber bloggt), geht von ungefähr einem Dutzend Schweizer Facebookseiten mit Jobfokus aus… Natürlich weiss ich, dass wir Schweizer das Social Media Recruiting (ausnahmsweise…) nicht erfunden haben. Aber so viel weiter sind die Arbeitgeber in Deutschland nun auch wieder nicht. Das Resultat bzw. diese Schlagzeile kann meines Erachtens unmöglich den Arbeitsmarkt in seiner ganzen Heterogenität meinen. Wie so oft, so meine Vermutung, beteiligen sich Unternehmungen an solchen Umfragen, die meist schon eine gewisse Affinität zum abgefragten Thema haben. In Verbindung mit einer Prise sozial erwünschter Antworten kommen dann häufig Ergebnisse zu Stande, die mit meinen Beobachtungen auf dem Arbeitsmarkt nicht übereinstimmen, ja bisweilen diametral davon abweichen. In dieser Studie von „The Conference Board“ und McKinsey verhält es sich noch einmal anders und die Traumzahl 65 löst sich bei näherem Hinsehen auf: in die 65 Prozent eingerechnet ist auch die Nutzung von Internet Jobbörsen. Naja, unter Social Recruiting verstehe ich etwas anderes. Wie auch immer, so relativiert sich die schöne Schlagzeile dann doch gewaltig und ich bin nun erstaunt, dass nur gerade 65% der Unternehmen Jobbörsen nutzen. Diesbezüglich hätte ich gedacht, es seien mehr. Aber denken Sie jetzt bloss nicht, dass ich das schreiben muss, weil jobs.ch eine meiner Blogger Friendly Companies ist. ;-). Erst kürzlich hat Eva Zils in einem interessanten Artikel über das Phänomen geschrieben, wie aus unspektakulären Zahlen plötzlich überraschend knackige Schlagzeilen generiert werden. Und mein hochgeschätzter Kollege Soldi hat daraus mit seiner Band Subzonic sogar einen veritablen Hit gelandet: Titelgschicht. Mein Prädikat: absolut hörenswert, gerade für meine Leserinnen und Leser aus dem Ausland (die Schweizer kennen den Ohrwurm schon bzw. immer noch):

Zurück zu den Studien: bei vielen Studien fällt mir immer wieder auf, dass sie sich auf die Situation von so genannten High Potentials fokussieren und darunter in der Regel Menschen mit einem Hochschulabschluss verstehen. Doch diese Zielgruppe ist nicht der Arbeitsmarkt, sondern ein Teil davon. Nicht mehr, nicht weniger. Denn Schweizer Firmen suchen für nur gerade jede dritte ihrer freien Stellen Hochschulabgänger. Auf dem Schweizer Stellenmarkt werden also zu etwa 60% Arbeitnehmer/-innen ohne Grundbildung oder mit einer Berufslehre, allenfalls kombiniert mit einer Weiterbildung, angesprochen, wie der Stellenmarkt-Monitor der Universität Zürich zeigt.

Ich würde mir wünschen, dass Studien präziser segmentieren und abgrenzen, so wie dies Joel-Luc Cachelin von Wissensfabrik aus St.Gallen macht. Sein Thesenpapier zur Entwicklung der Arbeitsmärkte bezieht sich ausschliesslich auf Hochqualifierte. Sauber. Seine Studie und andere Veröffentlichungen sind übrigens nicht nur inhaltlich lesenswert, sondern auch mit überdurchschnittlich hoher Sorgfalt getextet und unglaublich schön aufgemacht. A propos texten…

Worte lügen nicht – wie Sprache den Employer Brand beeinflusst

Fester Bestandteil meiner sonntäglichen Morgenlektüre ist die Beilage zur SonntagsZeitung, das Kaderstellenmagazing „alpha„. Diesen Sonntag habe ich darin einen Fachartikel zur Wichtigkeit der Sprache für das Employer Branding gefunden, verfasst von Buchautor und Universitäts-Professor Ivo Hajnal. Er sieht die Zeit für Zitat schwer verständliche Stelleninserate und HR-Kauderwelchs ablaufen. In seinem Artikel erläutert er, wie wichtig es ist, sprachlich auf dem Teppich zu bleiben und weist darauf hin, dass gut getextete Inserate die Sympathie der potenziellen Mitarbeitenden für einen Arbeitgeber nachweislich steigern können. Egozentrische Selbstdarstellungen sind in guten Inseraten fehl am Platz, stattdessen empfiehlt er in seinem Artikel, die Perspektive der Zielgruppen einzunehmen und entsprechend auch zu texten. Er schliesst mit den Worten: wer seinen Employer Brand schärfen will, reduziert im Zweifelsfall die Textmenge zugunsten von Bildern und Grafiken (oder, könnte ich da noch ergänzen, schaltet vielleicht sogar Anzeige mit Bild-Text Schere). Einverstanden, Ivo Hajnal, aber bitte, liebe Leserinnen und Leser, ums Himmels Willen bloss nicht mit den unsäglichen iStock Photos aus dem Katalog und anderen Klassikern des Grauens aus der Sparte „Stelleninseratefotos“. Besser, Sie überlegen sich, auf Video zu setzen.

Ich hätte übrigens gerne auf den Artikel in alpha.ch verlinkt – leider ist er aber in der online-Version von alpha.ch noch nicht verfügbar… So viel zum Thema Vernetzung von Print und online. Wenigstens habe ich für Sie hier ein jpg. daraus gescannt. Aber auch andere befassen sich mit der Sprache in Kontext von Jobanzeigen und Karriere-Webseiten. So zum Beispiel Professor Markus Hundt von der Universität Kiel. Lesen Sie dazu am Besten hier den Artikel vom Spiegel oder diesen Blogbeitrag oder auch hier.

Und? Was ist davon in der aktuellen Praxis angekommen?

Beim Blättern im Stellenmagazin lässt sich unschwer feststellen, dass von Ivo Hajnals Worten noch nicht allzu viel angekommen ist. So springen mir in der selben Ausgabe, wo auch der lesenswerte Artikel erschienen ist, die selben optisch und textlich aufgeblasenen Rieseninserate ins Auge. Schwerfällige Tanker von Stelleninseraten statt schnittigen Yachten. Geschätze 60 Prozent aller Inserate erläutern in keinem Satz, was ich als potenzieller Bewerber davon habe, meine Stelle zu kündigen und beim Unternehmen, das ja immerhin fast 10’000 Franken für so ein Werbeinserat ausgegeben hat, anzuheuern. Das ist schlicht eine üble Sache. Bei den Wenigen, die dann doch gnädigerweise den Bittstellern (gleich Bewerbern) auch noch etwas anbieten wollen, tönt das dann (auf Seite 25) bisweilen so: „Als moderne Arbeitgeberin wenden wir Führungsgrundsätze an, welche Leistung, Transparenz, Vertrauen, Verantwortung und Dynamik fördern.“ Aha, alles klar, echt cool. Und weiter: „Es erwartet Sie eine anspruchsvolle und abwechslungsreiche Tätigkeit in einem dynamischen Umfeld“. Wow, ich kann kaum nach an mir halten, das ist fantastisch, das begeistert mich, wo sind Stift und Papier, um sofort meine Kündigung zu schreiben?! Übrigens: Die Wortkombination „dynamisches Umfeld“ gibt bei Google 810’000 Suchtreffer…

Fast schon skurril ist die Stadt Winterthur mit Ihrem Inserat auf Seite 10 sprachlich unterwegs. „Ihre Chance“ steht da in der Überschrift und ich lese: „Als authentische und souveräne Persönlichkeit verbinden Sie den gesetzlichen Auftrag mit viel Freude im Umgang mit Kundschaft und Behörden und schaffen mir Ihrer gut strukturierten und leistungsfähigen Organisation Akzeptanz“. Immherin: auf einen solchen Satz muss man erstmal kommen. Ein anderes Unternehmen sucht auf Seite 14 mit einem ungeheuer textlastigen Inserat einen Niederlassungsleiter und verweist sogar mit einem QR-Code auf die Webseite. Bewerben kann man sich übrigens ausschliesslich per Post.

Hoffnungslos?

Gibt’s denn nicht wenigsten ein bisschen mehr Kreativität bei den Stellenanzeigen? Sind die guten Wünsche von Ivo Hajnal gar hoffnungslos? Nein, nicht ganz. Es gibt sie durchaus, die zarten Textpflänzchen, die davon zeugen, dass die Schreibenden sich etwas überlegt haben und ihre potenziellen Bewerber beim Texten vor Augen hatten. Die frischer, präziser und konkreter schreiben. Und dann, ganz hinten, auf der drittletzten Seite, passiert es. Fast hätte ich es überlesen, zum Glück aber nur fast: Die Stadt Uster sucht eine Schulleiterin oder einen Schulleiter für eine Schuleinheit. Ich darüber bin ich nicht erfreut, nicht angetan, nein, ich bin begeistert!

Der Primarschule Uster gelingt, was der ganzen übrigen HR-Zunft aus professionellen, nationalen und internationalen Konzernen und der Personalberatergilde nicht gelungen ist. Sie schafft es, mich mit ganz wenigen Worten für die Stelle als Schulleiter neugierig zu machen. Und das auf eine sympathische Art und Weise und dabei doch sehr präzise und informativ. Es ist ganz einfach wunderbar. In meiner Schwärmerei denke ich an Klaus Lage: „Tausend mal ist nichts passiert… und es hat Zoom gemacht!“ 

Der Ustemer Behörde ist es gelungen, eine Kurzgeschichte zu erzählen. Von der Pünt, einem kleinen Garten.Und dass in dieser Pünt nun junge Menschen gedeihen. Das liest sich dann so:  „Im Herzen der Stadt Uster gedeihen unsere 300 Schülerinnen und Schüler der 1. bis 6. Klasse sowie die 140 Kindergartenkinder dank sorgfältiger Pflege von 44 Lehrerinnen und Lehrern und 12 Kindergärtnerinnen. Nah beisammen wachsen grosse und kleine, robuste und zarte, einheimische und exotische Pflanzen heran – alles Unikate!“ Zwei Sätze, und darin sind so viel Humor, so viel Wertschätzung, aber auch mehr konkrete Informationen als auf den meisten der viertelseitigen Inserate eingepackt. Es ist ganz einfach wunderbar. Und auch für die Herausforderungen werden nicht einfach Worthülsen gedroschen, nein: aufgrund der Beschreibung (viele ausländische Kinder)  ist nachvollziehbar, warum für diese Stelle „ein grosses Mass an Fingerspitzengefühl“ nötig ist.

Ich ziehe meinen Hut!

Auf Wiederlesen.