Alles digital, oder was? Wenn man nicht ganz medienabstinent lebt, könnte man fast meinen, dass Algorithmen, Roboter und künstliche Intelligenz drauf und dran sind, die Arbeitswelt im HR komplett umzukrempeln. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Darüber habe ich ein Buch geschrieben – weil ich in diesen Chor nicht so recht einstimmen mag.

Sie ist ein künstlerischer Tausendsassa. Natali Bug gestaltet, designt und malt. Ihr Stil ist farbenfroh, mit geschwungenen Linien und Schnörkeln, ich als Laie würde ihre Bilder «romantisch» nennen. Kein Wunder, illustriert Natali auch Kinderbücher. Und jetzt also dieses Buch. Ein Fachbuch. Passt das? Ja, die 19 farbigen, fantasievollen Bilder zu meinem neuen Buch sind sicher nicht gerade Fachbuchillustrationsmainstream. Diesem folgend hätte sich Natali wohl etwas Digitales überlegen müssen. Vermutlich etwas mit Quadraten. Nein, das Colorierte und die Figuren, manchmal halb Mensch, halb Fabelwesen, passen wunderbar. Sie sollen nämlich anregen und erfreuen, ja auf eine gewisse Weise menschlich sein.

 

Vom Normalen und Menschlichen im Personalmarketing

Wenn ein Thema, ein Vorgehen oder ein Mantra über Gebühr strapaziert wird, löst das eine Gegenbewegung aus. Bei mir war es die Digitalisierung. Besser gesagt, der Eindruck, der mancherorts in diesem Zusammenhang erweckt wird. Dass nun nach jahrhundertelangem Tiefschlaf jetzt alles anders würde. Ganz anders. Oder, wie ich lernte:

Disruptiv!

Wenn ich mich so in der HR-Welt umhöre, könnte man doch glatt meinen, der digitale Messias höchstpersönlich wäre direkt aus der Cloud herabgestiegen, um Personalverantwortlichen und Führungskräften mit grossartigen Erleichterungen rund um das Werben und Halten von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu beglücken. Ehrlich gesagt: Das ist doch etwas lächerlich.

Bild zum Denkzettel: Zum Lachen.

Di-gi-tal!

So lauten Schlachtruf und Zauberwort für noch schlankere Prozesse und die Ansprache neuer Talente. Obwohl mich die neue Technik schon seit jeher fasziniert (schliesslich machte ich bereits 1982 mit dem Donkey Kong von Nintendo meine ersten digitalen Erfahrungen), mag ich nicht so recht in diesen Chor mit einstimmen. Ist das, was wir im Moment erleben, nicht viel eher eine Fortschreibung der technologischen Entwicklung? Waren wir in den letzten hundert Jahren wirklich im Dornröschenschlaf?

Spinner.

In den Medien werden Apps, Algorithmen, automatisierte Personalauswahl, Roboter und die allgegenwärtige künstliche Intelligenz gefeiert. Anbieter rechnen kühn vor, welche Erleichterungen (ehrlicher: Einsparungen) damit einhergehen. Die Auflistung, welche Berufe dadurch verschwinden werden (100. 250. Tausende, wer bietet mehr?), bereitet Hunderttausenden ein mediales Gruseln. Doch was ist daran neu? Kennen Sie noch einen Heizer, einen Tankwart oder einen Spinner? (Okay, letzteres vermutlich schon, ich spreche aber vom Beruf.) Berufe, die dem technischen Fortschritt geopfert werden, sind seit Jahrhunderten eine Folge des Fortschritts.

Bild zum Denkzettel: Ganz nach meinem Geschmack.

Jenny.

Es ist 1764, als der Engländer James Hargreaves die erste industrielle Spinnmaschine erfindet. Bis zu 100 Spindeln ersetzen einen Weber und 8 Spinner. Hargreaves nannte seine Maschine Jenny. Vierzig Jahre später liess Joseph-Maria Jacquard seinen Webstuhl von Lochkarten steuern – die Grundarchitektur der Computertechnologie war geboren. Die Digitalisierung aka Technologisierung ist keinesfalls neu und schon gar nicht disruptiv, wie auch diese Beispiele zeigen:

  • Selbstfahrende Fahrzeuge? Ein alter Zopf, zumindest auf Schienen. Die Linie 14 der Pariser Metro bedient 9 Haltestellen vollautomatisch. Dieses Jahr feiert die Linie ihr 20-jähriges Jubiläum.
  • Die Menschen sind fasziniert von 3D-Filmen – eine erste goldene Ära dieses Genres fand in Amerika zwischen 1952 und 1954 statt. Evolution statt Revolution. 

Menschen für Menschen.

Damit meine ich nicht das Hilfswerk des wunderbaren Karl-Heinz Böhm. Ich spreche von der DNA im Recruiting. Die Suche nach der passenden Verstärkung für andere Menschen, auch Teams genannt. Dieser Prozess lässt sich nach meinem Verständnis nicht unendlich automatisieren. Warum? Ganz einfach: Der Mensch ist (noch immer) ein soziales Wesen. Mit Verstand, Gefühlen, Bedürfnissen. Und gerade letztere, so scheint es mir, bleiben bei vielen Lobeshymnen auf die angeblichen Chancen der Digitalisierung auf der Strecke.

Bild zum Denkzettel: Stopp dem Lohnpoker.

Ich klage an.

Lieben Sie es, sich am Telefon durch die Warteschlaufen zu klicken? Bei einem Problem mit dem Geschirrspüler mit einem Chatbot verbunden zu werden und sich in einem mühsamen Frage-Antwort-Spiel in Richtung Lösung durchzuarbeiten. Möchten Sie den Diebstahl ihres Fahrrads mit einem Roboter besprechen? Die richtige Behandlungsmethode für eine ernsthafte Erkrankung? Ihre Ansprüche an flexibles Arbeiten und wie sich diese mit jenen des Wunscharbeitgebers vereinbaren lassen? In den aktuellen Diskussionen die Bedürfnisse der Menschen, sprich die Bewerberinnen und Bewerber, verdächtig wenig ins Feld geführt werden. Stattdessen schwelgt man in den Versprechungen, welche Erleichterungen und Einsparungen den Unternehmen möglich sind.

Blühende Landschaften – für die Unternehmen.

Jedes System, jede neue technische Errungenschaft, jedes Outsourcing – immer wurden Versprechungen gemacht:

  • Mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge der Personalarbeit (welche, frage ich mich dabei).
  • Mehr finanzielle Mittel für andere, noch wichtigere Dinge (auch hier: welche wohl?).
  • Schnellere Prozesse.

Prozesse? Damit verbunden sind auch die oft verschwiegenen Schattenseiten dieser Heilsversprechen. Jedes neue Programm, jeder Automatisierungsschritt im HR bringt auch viele neue (Standard-) Prozesse mit sich. Abweichungen nicht vorgesehen. Da werden enorme Mittel in die Definition von Sollprozessen investiert, die Resultate sind oft ernüchternd. Wie aktuell beim Outsourcing von Arbeitszeugnissen und anderen HR-Aufgaben ins Ausland. Viele krebsen schon wieder zurück – vermutlich für teuer Geld von den Gleichen beraten, die damals «raus ins billige Ausland» schalmeit haben.

Bild zum Denkzettel: Geschichten erzählen.

Die Renaissance des Einfachen und Menschlichen in der Personalwerbung.

Mit diesem ungewöhnlichen Inspirationsbuch liefere ich eine kleine und feine Auswahl an 18 charmanten Denkzetteln für alle, die mit kostengünstigen und verblüffend einfachen Ideen in eine gemeinsame berufliche Zukunft gehen wollen – und den phantastischen Versprechen von Algorithmen, Robot Recruiting und künstlicher Intelligenz vorerst einmal einen Korb geben und statt auf künstliche auf menschliche Intelligenz setzen. Darin enthalten sind Themen, die in den aktuellen Diskussion und der Fachliteratur erstaunlich wenig abgehandelt werden. So zum Beispiel das knallharte Kulturthema Humor. Oder das Lüften der Lohnburka. Ich zeige auf, was Arbeitgebervorteile mit den Quartettspielen meiner Jugend zu tun haben. Es geht um Textcharme, die Abschaffung der Schulnoten bei den jährlichen Mitarbeitergesprächen, um den Austrittsprozess, den Umgang mit Raucherinnen und Rauchern und darum, weshalb die Vorstände jetzt im wahrsten Sinne des Wortes umparkieren müssen. Neugierig?

Personalgewinnung mit gesundem Menschenverstand ist ab sofort im Handel oder direkt beim Verlag erhältlich.