In Deutschland ist man gendertechnisch mal wieder superkorrekt unterwegs: Seit dem 1. Januar 2019 sollen in den Stellenanzeigen neu auch intersexuelle Menschen explizit angesprochen werden. Wie sieht es in der Schweiz aus?

Bei unseren nördlichen Nachbarn ist es Menschen ohne eindeutige Zuordnung als Mann oder Frau – also intersexuellen Menschen (gute Beschreibung dazu hier im Stern) – seit dem 1. Januar 2019 möglich, sich im Geburtenregister als «divers» eintragen zu lassen.

Damit auch dieses dritte Geschlecht in der Arbeitswelt nicht diskriminiert wird, muss es nun bei Stellenanzeigen auch im Stellentitel explizit angesprochen werden. Sagt man so gemeinhin, obwohl die Meinungen dazu auseinandergehen und es umstritten ist, ob man das wirklich tun muss. Wie auch immer, offenbar geht die Mehrheit der Personalverantwortlichen auf Nummer sicher und ich mag mich hier nicht juristisch aus dem Fenster lehnen, schon gar nicht in Deutschland.

So sieht das dann halt eben mittlerweile in Deutschland im grossen Stil so aus:

Über Sinn oder Unsinn wurde in der HR-Zunft eifrig berichtet, von Persoblogger Stefan Scheller zum Beispiel oder vom scharfzüngigen Henner Knabenreich.

Erste solcher Inserate schwappen nun auch in die Schweiz, wenn auch noch zaghaft. Jobchannel, der führende Schweizer Anbieter für spezialisierte Job- und Fachplattformen, registriert aktuell auf über 130’000 ausgeschriebene Vakanzen gerade einmal rund 600 mit m/w/d ausgeschriebene Stellen in der Schweiz. Die meisten davon von Dienstleistern oder Firmen mit Stammhaus in Deutschland.

Gemäss Medienberichten gibt es in der Schweiz rund 0.1 Prozent intersexuelle Menschen, also rund 8’000. Auch wenn die Zahl an sich gering ist, finde ich es richtig, diese Menschen nicht auszugrenzen. Niemand hat sich sein Geschlecht ausgesucht.

Übertrieben und nicht verhältnismässig finde ich die Umsetzung in den Werbeanzeigen für Stellen mit der m/w/d – Klammer. Für mich ein weiteres und geradezu lächerliches Indiz für den Gleichstellungswahn im Sprachgebrauch und in Teilen der Personalwerbung.

Müsste man denn konsequenterweise bei der Ansprache der Talente nicht alle Dialoggruppen, die sich bei Nichtberücksichtigung benachteiligt fühlen könnten, ansprechen? Also neben dem Geschlecht auch Junge mit wenig Erfahrung, Ältere über 50, Asthmatiker, Muslime, Fettleibige und Untergewichtige, Blinde, Kleine und Grosse, Sikhs, Ausländerinnen oder Menschen wie ich mit St.Galler Dialekt? Das würde dann ja so aussehen:

 

Vielleicht etwas gar zugespitzt, zugegeben. Aber genauso schräg ist die naive Annahme, durch die Erwähnung von neu drei Buchstaben der Diskriminierung von Geschlechtern einen Riegel zu schieben. Ich bin nach wie vor der (sicher veralteten und unkorrekten, Asche auf mein Haupt) Meinung, dass das explizite Ansprechen von 99.9 Prozent der Leserinnen und Leser eines Stelleninserats ausreichend sein sollte.

Soviel zu meiner natürlich gänzlich unbedeutenden Meinung. Doch wie sieht es juristisch aus? Ich habe bei Stefan Eichenberger nachgefragt. Der promovierte Anwalt arbeitet bei der Zürcher Anwaltskanzlei epartners.

Herr Eichenberger, warum sieht man bei uns noch keine «m/w/d»-Inserate im grossen Stil?

Dr. Stefan Eichenberger: „Aktuell gibt es in der Schweiz zwei Geschlechter, welche man im Personenstandsregister eintragen kann (Frau und Mann). Die Eintragung eines dritten, unbestimmten Geschlechts oder der Verzicht auf eine Eintragung eines Geschlechts sind hingegen nicht möglich. Daran dürften sich die meisten Arbeitgeber orientieren.“

In der Schweiz ist es also bis auf weiteres nicht nötig, das «d» hinter der Jobbezeichnung aufzuführen.

Dr. Stefan Eichenberger: „Der Bund gibt einen Leitfaden zur geschlechtergerechten Sprache heraus, wobei die aktuelle Auflage aus dem Jahr 2009 stammt. Darin beschränkt sich die Sprachregelung auf das männliche und weibliche Geschlecht, da es um die Gleichstellung von Mann und Frau in der Sprache geht. Wer zusätzlich explizit intersexuelle – oder allenfalls auch transsexuelle – Menschen ansprechen möchte, darf das natürlich. Es gibt bereits jetzt Personen, welche beispielsweise Mitarbeiter*innen mit einem Genderstern schreiben. Vorgeschrieben oder Praxis ist dies jedoch nicht.“

Ist da eine Gesetzesänderung analog Deutschland absehbar?

Dr. Stefan Eichenberger: „Gerade mit Blick die kürzliche Einführung eines dritten Geschlechts in unserem nördlichen Nachbarland, welche übrigens auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zurückgeht, wurde dies auch bei uns thematisiert. Ein entsprechendes Postulat von Sibel Arslan wurde vom Nationalrat am 17. September 2018 mit 109 zu 77 Stimmen überwiesen, nachdem es auch vom Bundesrat zur Annahme empfohlen worden war. Das Anliegen scheint somit mehrheitsfähig zu sein. Die gesetzgeberischen Bestrebungen sind also im Gang, befinden sich jedoch noch in einer relativ frühen Phase.“

Merci vielmal, lieber Herr Eichenberger.

Ganz abgesehen von der juristischen Frage wünschte ich mir, dass Arbeitgeber etwas weniger auf irgendwelche Buchstaben scharf sind sondern auf gelebte Gleichbehandlung.

Ich stelle mir vor, dass Ausländerinnen die Vorselektion der Bewerbungen machen.

Ich fantasiere, dass an diesem Bewerbungsflaschenhals berufs- und lebenserfahrene Menschen über 50 entscheiden, wer weiterkommt und wer nicht.

Ich träume von Lohntransparenz in den Stellenanzeigen, um dem Lohnpoker und somit dem Gender Pay Gap endlich den Garaus zu machen. 

Die Lösung? Das Klammer a!

Und warum, ja warum schreiben wir in den Stelleninseraten nicht einfach ein (a) hin? Verbunden mit der charmanten Auflösung am Ende des Textes, dass Bewerbungen aller Menschen ungeachtet ihres Alters, Geschlechts, Herkunft, Religion oder körperlichen Merkmalen willkommen sind. Her also mit den Bewerbungsdossiers aller, die mit ihren Talenten und Erfahrungen das Unternehmen weiterbringen können und wollen.

Wer hat Mumm und macht’s?!

Ich wünsche all meinen Leserinnen (a) einen wunderbaren Tag, und wie immer:

Auf Wiederlesen.