Die Welt steht Kopf. Die Kommunikationsgewohnheiten haben sich radikal geändert und die sozialen und anderen Medien spülen in Verbindung mit Big Data mittlerweile sogar halbseidene Machos und hellbraun angehauchte Politiker (fast) an die Spitze von Staaten, die eigentlich weit weg vom Image eines Schurkenstaats sind. Grauenhaft. Da scheint es fast schon wohltuend, dass sich die Stellenanzeigen hartnäckig und recht erfolgreich gegen diese neumodischen Entwicklungen stemmen. Aber natürlich nur fast.

 

Natürlich sind zumindest aus meiner Sicht die gängigen Stellenanzeigen ein Ärgernis. An Langweiligkeit, Plattitüden und stümperhaftem Design sind sie kaum zu überbieten. Dabei gibt es längst Alternativen für fast jedes Budget, welche die Möglichkeiten des Web 2.0 endlich nutzen. Und in Kombination mit auffälligen Teaserinseraten wird der Auftritt frischer, kunden- sprich bewerberfreundlicher und erst noch günstiger.

Heute stelle ich Ihnen das brandneue Stelleninserat der Bern-Lötschberg-Simplon Bahn, kurz BLS, vor. Die BLS ist die zweitgrösste Mobilitätsanbieterin der Schweiz mit knapp 3000 Mitarbeitenden. Ihr Inserat wirbelt sanft und gewissermassen auf leisen Sohlen ein paar (vermeintliche) Selbstverständlichkeiten durcheinander. Auf den Punkt gebracht: Die Stelleninserate sind ganz einfach freundlich. Genau, das ist eine ganz neue Produktlinie, soeben erfunden:

Freundliche Stelleninserate!

Nachstehend erzähle ich Ihnen kurz etwas über jene Elemente des Inserats, die ich so richtig freundlich finde. Und freundlicherweise ist zusätzlich dazu BLS-Projektleiterin Corinne Moser dem Chefregisseur dieses Blogs, Linus Spitz, Red und Antwort gestanden.

 

Strategiefreundlich

BLS 3Das neue Online-Stelleninserat ist ein erstes sichtbares Ergebnis der Adaption der neuen Markenstrategie der BLS auf den Arbeitgeberauftritt. Die BLS will künftig noch sympathischer, noch «näher bei den Menschen» kommunizieren. Die Inserate greifen das auf, indem beispielsweise anstelle von Models oder gar den furchterregenden Stockphotos Mitarbeitende aus verschiedensten Berufen fotografiert wurden. In allerbestem Sinne normale Menschen, die auch für den lockeren und unkomplizierten Umgang untereinander, sprich den hervorragenden Teamspirit bei der BLS,  stehen.

 

 

 

Lesefreundlich

Das Inserat nimmt die Informationsbedürfnisse oder vielleicht besser gesagt die Informationslogik der Lesenden auf. Davon ausgehend, dass die Leser wissen, wer die BLS ist, wird gar nicht erst umständlich erklärt, wer man ist und worin man Weltmarktführer oder sonst noch etwas ist… Stattdessen kommt man bei den Bernern (ausgerechnet… ) schnell auf den Punkt. Die BLS spielen gleich zu Beginn ihres neuen Werbeinserats für Jobs Stellentitel, Teilzeitmöglichkeiten und Arbeitsort aus – relevante erste Informationen. Gleich danach bringen sie mit dem Wirkungsfeld ein in dieser Form neues Element ins Spiel.

 

Wirkungsfreundlich (komisches Wort, ich weiss)

BLS 4Die Sinnhaftigkeit des täglichen Tuns ist in den letzten Jahren zu einem der wichtigsten Attraktivitätsfaktoren für Jobs aufgestiegen. Und Experten sind sich sicher, dass das Erkennen der Wirkung seines Tuns zu den wichtigsten Glücklichmachern und Burnout-Reduzoren (das Urheberrecht auf die Wortschöpfung «Reduzor» erhebe ich hiermit) gehört. Dementsprechend versucht die BLS, diese Punkte in einem neuen «Wirkungsfeld» gleich zu Beginn der Werbeanzeige auszuspielen. Dort geht es also weniger darum, was man tut, als vielmehr, was man damit bewirkt und worin der persönliche Beitrag der Stelleninhaberin zum reibungslosen Funktionieren des komplexen Räderwerks der BLS besteht. Das konsequente Aufzeigen des Nutzens einer Stelle und nicht der Arbeitsinhalte ist nicht ganz so einfach, die BLS hat darum diesen Punkt in zweistündigen Workshops mit den Personalverantwortlichen explizit trainiert.

 

 

Userfreundlich

Für die Personalerinnen und Personaler ist das neue Inserat, mit Ausnahme der Herausforderung des Wirkungsfeldes, eine riesige Vereinfachung. Sie können das Inserat mit wenigen Klicks auf ihre Bedürfnisse personalisieren. Aufgaben und Anforderungen müssen nicht mehr getextet, sondern nur noch aufgezählt werden. Der Platz dafür ist systemtechnisch begrenzt auf je 5 Bulletpoints à 88 Zeichen. Das mag als Bevormundung aufgefasst werden, ist aber im Alltag eher eine Hilfe und sowieso nur zu Beginn in der Umstellungsphase eine kleinere Knacknuss. Die Arbeitgebervorteile, Bilder und die Texte zum Unternehmen können einfach aus einer sinnvoll grossen Auswahl unterschiedlicher Sujets bzw. Textvorlagen einfach dazugeklickt werden. Eine Sache von wenigen Sekunden. Die Google-Map und die HR-Ansprechpersonen werden vollautomatisch vom System eingebaut.

 

Überhaupt freundlich

Überhaupt versucht die BLS konsequent, auch in Bezug auf die Texte weg vom umständlichen «Inseratedeutsch» hin zu einer normalen, direkten und von einer freundlichen Tonalität gehaltenen Sprache zu kommen. Der Markenwert «sympathisch» soll auch dadurch klar zum Vorschein kommen. Freundlich heisst zum Beispiel auch, dass die Interessenten ohne langes Suchen die Direktnummer und im Fall der HR-Ansprechperson auch ein Bild der Auskunftspersonen erhalten. Selbstverständlich stellt die Person sich selber und die/den zuständigen Vorgesetzten (sowie die BLS) gleich auch kurz vor:

 

BLS 5

 

Printfreundlich

Mehr Aufmerksamkeit bei tieferen Kosten: Mit diesem Anspruch wurden deutlich kleinere Teaserinserate entwickelt, die langweiligen Inserate im Design des letzten Jahrhunderts abgeschafft. (Klammerbemerkung: A propos letztes Jahrhundert. Das am Schluss dieses Beitrags angehängte Fundstück beweist, wie wenig sich am Look der Stelleninserate in den letzten 100 Jahren doch verändert hat… Immerhin waren uns unsere Vorgänger mindestens in einem Punkt sogar noch weit BLS Strassevoraus: Damals wurde aus dem Lohn noch nicht so ein Geheimnis gemacht wie heute.). Zurück zu den Printteasern. Auch da bewiesen die Verantwortlichen der BLS Mut. Zielgruppen werden mit einem Augenzwinkern direkt angesprochen, wie bei dem Beispiel links Strassenbauer/-innen, die ihre Karriere doch besser bei den BLS statt „auf der Strasse“ fortsetzen. Und im Farbkasten des Corporate Design – Werkzeugkastens wurde eine richtig auffällige Farbe gefunden und erstmals genutzt. Ob die Farbkombination nun augenfreundlich ist oder nicht, darüber lässt sich sicher streiten. Über die Wirkung hingegen nicht. Und die zählt schliesslich.

 

 

 

Auf Wiederlesen

 

Disclaimer: Dieser Text enthält Spurenelemente von «Productplacement». Ich habe daran selber konzeptionell mitgewirkt. Umgesetzt wurde das Inserat dann von der Zürcher Mediaagentur Prospective Services und die Printinserate kommen von IN FLAGRANTI aus Lyss.

 

 

BLS Inserat 1920