Hürden im Bewerbungsprozess abbauen lohnt sich. Diese Erfahrung macht gerade die Deutsche Bahn. Sie hat die lästigen Anschreiben bei den Azubibewerbungen auf Null abgeschrieben. Jetzt ziehen sie eine positive erste Bilanz.  

Wer den Berliner Ideenrocker und Bestsellerautor Martin Gaedt nach Rezepten für mehr Ideen fragt, wird (unter anderem) zur Antwort erhalten:

Regeln streichen

Prozesse umdrehen

Kundennutzen erhöhen

Ob auch Kerstin Wagner sein Buch gelesen hat, weiss ich nicht. Spielt auch keine Rolle. Auf jeden Fall hat sie 2018 gehandelt:

Den Bewerbungsprozess für die Azubis (und Dual Studierende) bei der Deutschen Bahn vielleicht nicht gerade umgedreht, aber doch neu gedacht.

Die Uralt-Regel, dass zu einer Bewerbung immer auch ein Anschreiben (synonym: Bewerbungsschreiben / Motivationsschreiben) gehört, einfach gestrichen.

Den Nutzen für die Bewerberinnen und Bewerber massiv erhöht.

Kerstin Wagner ist Head of Talent Acquisition bei der Deutschen Bahn. Die Rekrutierungsziele für sie und ihr 600-köpfiges Team sind gigantisch: Rund 22.000 neue Mitarbeitende werden allein dieses Jahr angestellt. 320.000 Bewerbungen gingen 2018 bei der DB ein, das sind 875 pro Tag. Für die Schweiz unglaubliche Sphären.  

Trotz der enormen Bewerbungszahlen ist die Besetzung der Stellen alles andere als einfach. In verschiedenen Berufszweigen ist es richtig hart, unter anderem auch bei den Jüngsten, den Azubis. Davon sucht die Bahn aktuell 4000.

Fertig mit Anschreiben

Im Sommer 2018 machte das Vorgehen der Bahn, bei der Bewerbung von Schülerinnen und Schülern künftig auf ein Anschreiben zu verzichten, medial die Runde. Die Reaktionen in den Medien und am Arbeitsmarkt waren positiv. Viele Personaler waren zurückhaltend bis neugierig, würde ich das mal nennen. 

Nach den ersten Monaten mit dem neuen Verfahren zog die Bahn in diesen Tagen eine erste Bilanz. Ich habe bei Kerstin Wagner nachgefragt.

Erste Erkenntnisse

DB Kerstin Wagner Personalbeschaffung

„Superzufrieden“, bringt die sympathische Berlin-München-Pendlerin die ersten Erfahrungen auf den Punkt. „Wir sind total happy. Gute Azubis sind in ganz Deutschland gefragt, wir stehen in einem harten Wettbewerb. Darum wollten wir es unseren Kundinnen und Kunden, also den Schülerinnen und Schüler, einfacher machen, sich bei uns zu bewerben. Die Zahlen geben uns Recht: Wir verzeichnen 10 Prozent mehr Bewerbungen – und Besetzungen! – als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.“

Aber nicht nur die Zahlen, auch die Feedbacks stimmen und zahlen in die Arbeitgebermarke des Grosskonzerns ein. „Von den Schülerinnen und Schülern gibt es viel Lob“, freut sich Kerstin Wagner. Das erstaunt kaum, das Formulieren des Anschreibens ist nicht nur für Azubis eine lästige Pflichtübung. Logisch, flüchten sich da Viele in die Copy-Paste Strategie, wie ich bei der Analyse von 100 Schweizer Bewerbungen festgestellt habe. Auch eine Umfrage bei 20 Minuten zeigt, wie unbeliebt die Anschreiben sind: Über 70% von über 4000 Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer finden es unnütz.

Gut akzeptiert

Doch wie reagierte der Rest der Bahn darauf, dass dieser alte Bewerbungszopf abgeschnitten wurde? „Gut und professionell“, sagt Wagner. „Wir haben viele Gespräche geführt und uns natürlich im Vorfeld eingehend damit befasst, ob wir uns mit der Abschaffung des Bewerbungsschreibens etwas vergeben, ob wir uns da kurzerhand eines Auswahlinstruments berauben. Doch für alle war bald klar, dass dem nicht so ist. Dieses Stück Papier bringt in der Regel einfach keinen Mehrwert. Stattdessen setzen wir auf das persönliche Kennenlernen, zum Beispiel am Bewerbertag. Und stellen den angehenden Azubis lieber im Gespräch konkrete Fragen.“

Firmen, die auf One-Klick Bewerbungen mit dem XING- oder LinkedIn Profil setzen, berichten noch immer von Unsicherheiten auf Bewerberseite, ob denn diese vereinfachten Bewerbungsformen nicht vielleicht doch zu einem Nachteil gereichen und möglicherweise als mangelnden Willen ausgelegt würden. Lässt sich dieser Effekt auch bei den Azubibewerbungen der Deutschen Bahn beobachten? Schliesslich werden ja die Schülerinnen und Schüler noch heute von fast allen Seiten darauf getrimmt, wie eine Bewerbung normalerweise auszusehen hat. Kerstin Wagner winkt ab: „Das kommt eher selten vor. Und wenn jemand trotz der anderslautenden Kommunikation doch ein Anschreiben mitschickt, ist das ja auch kein Problem. Wir freuen uns über jede gute Bewerbung.“

Und jetzt?

Die guten ersten Erfahrungen würden nun ja nach einer raschen Ausweitung auf andere Berufsgruppen wie zum Beispiel Studienabgänger/-innen oder Trainees rufen. Kerstin Wagner und ihr Team machen sich diese Überlegungen, wollen aber nichts überstürzen, wie sie mir verrät. Klar ist: Dem Abbau von Hürden im Bewerbungsprozess gehört die Zukunft.

Vielen herzlichen Dank für die Informationen aus erster Hand, liebe Kerstin. Auf Wiederlesen.