In letzter Zeit haben einige Blogger, ich selber auch, immer mal wieder für eine zugegebenermassen radikale Kunden- bzw. Bewerberorientierung in die Tasten gehauen. So wurde das Anschreiben als unnötig bezeichnet und einfache Bewerbungsprozesse als Teil der Lösung des Fachkräftemangels propagiert. Nicht alle Personaler sind damit einverstanden.

Vor kurzem schrieb mir Stefan Walz eine Mail. Ich habe mich darüber riesig gefreut, denn auch wenn ein Blog per se als Diskussionsplattform gedacht ist, so kennt doch jeder Blogger die Enttäuschung, dass oft weniger Interaktion als erhofft zustande kommt. Darum möchte ich Ihnen gerne das Feedback von Stefan Walz in ungekürzter Version zur Verfügung stellen – Diskussion speziell erwünscht.

«Genuss & Harmonie ist ein familiengeführtes Gastronomieunternehmen und verwöhnt namhafte Kunden mit Frischküche auf gehobenem Restaurantniveau.» So steht es auf der Website des Unternehmens, das deutschlandweit mit über 100 Restaurants und mehr als 1000 engagierten Frischemacherinnen und Frischemachern tätig ist.

Der 31-jährige Stefan Walz ist beim familiengeführten Traditionshaus zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen für das Recruiting zuständig.

Er schrieb mir folgende Zeilen:

 

 

Recruiting 2.0 – Ein Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein

von Stefan Walz

Seit Jörg Buckmann den Begriff der „Personalgewinnung mit Frechmut“ geprägt hat, hat sich (Gott sei Dank) einiges im Recruiting getan. Alte Zöpfe wurden abgeschnitten und viele Innovationen, wie z.B. die „Ein-Klick-Bewerbung“, Videotestimonials, moderne Karriereseiten und vieles mehr haben Einzug gehalten. Der Job des Recruiters ist nun mehr als je eher im Marketing als im HR anzusiedeln. Wir haben erkannt, dass wir uns in Zeiten eines „Arbeitnehmermarktes“ attraktiver machen und das auch klar kommunizieren müsssen.

Aber bei aller Euphorie scheint in einigen Bereichen das Kind mit dem Bade ausgekippt worden zu sein. Dazu zwei kurze Beispiele:

Erstens: Der Tod des Anschreibens

Wir alle wissen es: das Anschreiben ist tot! Beerdigt und begraben. Wer heute nur ein paar Minuten mit der Suche verbringt, erhält unzählige Vorlagen für das perfekte Bewerbungsschreiben. Und wenn es dann doch etwas mehr Individualität sein darf, bieten hunderte von Autoren Rat, wie sich diese perfekt verpacken lässt.

Aber war es deswegen nötig das Anschreiben direkt zu Grabe zu tragen? So bietet es doch den Bewerberinnen und Bewerbern eine einmalige Gelegenheit, Lücken im Lebenslauf zu erklären, Unklares ins rechte Licht zu rücken und eine echte Visitenkarte zu hinterlassen.

Kann ich also heute noch ein Anschreiben verlangen? Vergraule ich mir damit nicht die dringend gesuchten Millenials und High Potentials?

Die Gegenfrage muss jedoch zumindest erlaubt sein: Ist der Tod des Anschreibens nicht weniger Zeichen von besonderer Offenheit, als von offensichtlicher Verzweiflung? Kann ich von einem angeblichen High Potential nicht wenigstens erwarten, dass er/sie zumindest eine Hand voll Sätze sinnvoll verfassen kann? Haben wir es als Unternehmen nicht verdient, dass sich eine Bewerberin oder ein Bewerber zumindest grundlegend mit dem beschäftigt hat, wer wir sind und was wir tun? Und am schwerwiegendsten: nehme ich damit nicht den Bewerberinnen und Bewerbern, welche sich ehrlich Mühe mit ihrer Bewerbung gemacht haben, eine wichtige Differenzierungsmöglichkeit und die Chance, sich von der Masse der „High Potentials“ abzuheben.

Zweitens: „Bei Anruf Job“

Vor kurzem warb der Caritasverband Düsseldorf mit dem Slogan Bei Anruf … Ausbildung! Kein Anschreiben, kein Lebenslauf, kein Bewerbungsgespräch“ um neue Azubis. Das Frohlocken auf und ab war groß. Endlich jemand, der das, was mit dem „Tod des Anschreibens“ begann, nun endlich konsequent durchzieht.

Aber auch hier muss die Frage gestellt werden: Wem tut man hier eigentlich einen Gefallen? Gerade bei Abzubildenden, die sich in der Regel an diesem Punkt in ihrem Leben das erste Mal Gedanken über ihre weitere Zukunft machen, bilden die formale Bewerbung, ehrliche Gespräche und ggf. Probetage wichtige Orientierungshilfen in der Berufswahl. Eine leichtfertige Entscheidung sorgt bei vielen Azubis und Unternehmen bereits kurz und mittelfristig für Frust, der nicht selten mit dem Abbruch der Ausbildung oder der Probezeitkündigung enden.

Das sind nur zwei Beispiele, bei denen mehr Wert auf eine schnelle Einstellung, als auf eine vernünftige Personalauswahl gelegt wurde. Ich weiß, dass viele Unternehmen um jede Bewerbung ringen und dass Stellen immer schwieriger zu besetzen sind. Der Druck auf uns Recruiter wächst. Umso mehr plädiere ich für mehr Selbstbewussten in den Unternehmen. Wir haben viel zu bieten und so sollten wir uns auch verkaufen. Schon unsere Großeltern wussten „Was nichts kostet, ist auch nichts wert.“ Also warum haben wir dann offensichtlich Arbeitsplätze zu verschenken? Früher galt einmal der Leitsatz „Die RICHTIGEN Talente finden und binden“. Daher sollten wir als Recruiter weiterhin konsequent den Weg gehen, Hürden bei der Bewerbung zu senken und viel mehr Zeit in unsere Außenwerbung und unser Employer Branding zu investieren. Aber wir sollten auch den Mut haben, uns unserer Stärken, unseres Wertes, bewusst zu sein. Nein, wir sind keine Bittsteller bei den Bewerberinnen und Bewerbern, auch wenn die schiere Not uns manchmal dazu zu treiben scheint. Wir haben viel zu bieten und können deshalb auch ein Mindestmaß an Interesse und Mühe – eben einen Kontakt auf Augenhöhe – erwarten.

 

So also der Brief von Recruiter Stefan Walz. Ich finde die Überlegungen des Recruiting-Profis interessant. Welche Position vertreten Sie? Wie denken Sie darüber?

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