Der Bewerbungsprozess ist ein wesentlicher Teil der „Candidate Experience“, also den Erlebnissen der umschwärmten Zielgruppen beim Anbandeln mit ihrem künftigen Arbeitgeber. Dieser erste Flirt endet oft enttäuschend. Es geht auch anders. Die Daimler Tochter TSS beweist, dass Bewerben sogar Spass machen kann.

„Hey – wir sind TSS, die coole 😉 IT-Tochter der Daimler AG und immer auf der Suche nach netten Kolleginnen und Kollegen. Aber wir wollen nicht abschweifen – es geht schließlich um dich! Wir wollen uns ja kennenlernen. Erzähl uns, wer du bist, was du machst und warum du zu uns passt. Wir sind gespannt!“

So direkt, und ziemlich salopp, kommt die Daimler Tochter TSS auf ihrer Website www.15sekunden.de zur Sache. Das Unternehmen wurde 1998 gegründet und erbringt für Daimler Services rund um das vernetzte Auto. Die mittlerweile 850 Mitarbeitenden bringen vereinfacht gesagt die Digitalisierung in die Autos. „Wir sind die innovative Speerspitze von Daimler“, sagt Steffen Bäuerle selbstbewusst. Der 40-jährige Wirtschaftsinformatiker ist seit 2013 CFO des Unternehmens und in dieser Funktion auch für das HR zuständig. „Wir wachsen schnell, für 2016 prognostizieren wir wiederum ein Wachstum im zweistelligen Bereich. Unser Personalbedarf ist entsprechend gross – der Konkurrenzkampf um die „Hardcore-IT’ler“, die wir brauchen, leider auch.“ Aussergewöhnliche Situationen verlangen nach ebensolchen Maßnahmen. „Wir müssen ein paar besondere Dinge tun“, beschreibt  Bäuerle seine Überlegungen Ende 2015.

Bäuerle ist TSS durch und durch. „Wir sind eine sehr, sehr geile Firma“ wie er kürzlich in einem Blogbeitrag schrieb. Und so unkonventionell könnte auch das Vorgehen von TSS beschrieben werden, um an Informatikerinnen und Informatiker zu kommen. Das Unternehmen aus dem süddeutschen Ulm macht das Bewerben richtig einfach, ja fast schon zu einem Erlebnis.

Der Bewerbungsprozess als Geheimwaffe im Kampf um Talente

Mit ihrer pfiffigen Bewerbungsform spielt TSS einen wichtigen und im Personalmarketing noch immer massiv unterschätzten Trumpf aus. Sie folgt ganz einfach den Bedürfnissen ihrer Kunden, der Talente. Denn diese haben im Arbeitnehmermarkt IT schlicht keine Lust, sich durch die mehr oder weniger (häufig letzteres) nutzerfreundlichen online-Bewerbungsformulare zu kämpfen. Die Bewerbenden bevorzugen, wen wundert’s, möglichst einfache, schnelle Bewerbungsformen. Eine Studie der Universität Bamberg (Recruiting-Trends 2016) belegt, dass sich gerade einmal 7.6 Prozent von über 4800 befragten Karriereinteressierten über die Formularbewerbung bewerben möchten. Sie bevorzugen stattdessen die praktische E-Mail Bewerbung. Die heimlichen Lieblinge der Bewerberinnen und Bewerber sind aber deren Kurzprofile in ihren Linkedin- oder Xing Profilen. Warum noch einmal abtippen, was ja schon da ist? Eine berechtigte Frage, die sich immer mehr nicht nur junge Menschen zu Recht stellen. Interessant, dass viele Unternehmen dieses Bedürfnis ihrer Zielgruppen negieren und ganz einfach nicht erfüllen wollen. Kurzprofile sind für nur gerade einmal 15 Prozent der Unternehmen ein ernst zu nehmender Bestandteil des Bewerbungsprozesses. Die eigenen optimierten Prozesse scheinen wichtiger zu sein. Demgegenüber sind Bewerbungen mit den Daten aus Xing oder Linkedin für fast 60 Prozent der Befragten wichtig. Somit bleibt der Bewerbungsprozess ein massiv unterschätztes Element in der Arbeitgeberattraktivität, ja fast schon eine Geheimwaffe mit Multiplikationseffekt. Denn eine andere Befragung (Candidate Experience Studie der Personalberatung metaHR in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Technik, Wirtschaft, und Kultur Leipzig aus dem Jahr 2014) zeigt, dass 4 von 5 Stellensuchenden ihre Erfahrungen im Bewerbungsprozess in ihrem Freundeskreis teilen. Kunden- bzw. Bewerberorientierung zahlt sich also gleich mehrfach aus.

Video hochladen, Daten aus dem Business-Netzwerk dazugeben, fertig ist die Bewerbung

Auf www.15-sekunden.de können Bewerberinnen und Bewerber ein kurzes Video uploaden und sich so ohne grossen Aufwand bewerben. Das Video kann direkt auf der Website aufgenommen werden, für alle Fälle gibt es eine von TSS-Mitarbeitenden selber erstellte Anleitung. Natürlich auch per Video. Ein überzeugendes 15 Sekunden Statement reicht TSS aus, wobei es das Unternehmen mit dem Zeitlimit nicht so genau nimmt. Hauptsache, die Talente bewerben sich. Einen klassischen CV braucht TSS nicht – Deinen Lebenslauf kannst Du zu Hause lassen steht prominent auf der Website. Stattdessen kann zusätzlich zum Video das Kurzprofil aus Xing oder Linkedin eingelesen werden. TSS nimmt anschliessend Kontakt mit den Interessierten auf und klärt in einem Telefongespräch die grundsätzliche Eignung und lädt spannende Bewerberinnen und Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch ein. Innerhalb von 72 Stunden erfolgt dieses telefonische Erstgespräch, verspricht TSS und hält es auch. Im Recrutainment Blog von Jo Diercks ist der Ablauf detailliert beschrieben.

Vielversprechende Resultate

Steffen Bäuerle ist zufrieden mit den ersten Resultaten knapp vier Monate nach dem Start. „Wir hatten zu Beginn natürlich auch ein paar Zweifel, was die Qualität und die Aussagekraft der Bewerbungsvideos angeht. Unbegründet, wie sich jetzt zeigt. Die Videos sind richtig gut. Wir zählen bereits über 20’000 Besucherinnen und Besucher auf der Kampagnenseite. 75 Videobewerbungen gingen ein, viele davon waren wirklich sehr cool. Schlussendlich waren 50 passende Profile darunter.“ Die Conversion-Rate mag auf den ersten Blick tief erscheinen, ist aber angesichts des ausgetrockneten Arbeitsmarktes beachtlich. Wurden noch mehr Bewerbungen vielleicht gerade durch die spezielle Form der Bewerbung abgeschreckt? Ähnlich wie das Desinteresse an aufwändigen Formularbewerbungen sind Videobewerbungen möglicherweise nicht nach dem Gusto aller Stellensuchenden – gerade in der IT, die nicht gerade als ein Hort speziell extrovertierter Menschen bekannt ist. Steffen Bäuerle bestätigt dies und ist dennoch erfreut. „Die Analyse der Zahlen und des Nutzungsverhaltens der Besucherinnen und Besucher bringt etwas total Spannendes an den Tag. Sehr viele haben nämlich das Video mit den Bewerbungstipps angesehen, sich dann aber abgesprungen – zu uns! Wir haben einen massiven Anstieg von über 20 Prozent bei den herkömmlichen Kanälen verzeichnet. Das zeigt, dass wir mit dem speziellen Vorgehen für viel Aufmerksamkeit sorgten, manchen dann aber doch der herkömmliche Bewerbungsweg lieber war. Uns kann das nur recht sein, Hauptsache, die Talente bewerben sich bei uns – wo und wie auch immer.“

Daimler TSS hat in allerbestem Frechmut-Sinne neue Wege beschritten, etwas gewagt – und gewonnen. Wie heisst es so schön auf der Kampagnenseite zur 15 Sekunden Bewerbung? Wir wollen dein berufliches Leben verändern – zum Positiven. Es wäre wünschenswert, wenn das Vorgehen auch andere Arbeitgeber inspirieren könnte, ihren Bewerbungsprozess, ja vielleicht ganz generell ihre Einstellung gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern und deren Bedürfnisse, zu überdenken. Das ist zum Glück weniger eine Budgetfrage als vielmehr eine Einstellungssache.

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