Ausgezeichnet! Mitte Juni wurde dieses Jahr der erste Strategie-Award verliehen. An Unternehmen, die mit geschickten Strategien Frauen- und Familienfreundlichkeit im Betrieb fördern und auch tatsächlich leben. Nicht nur nach aussen, sondern ebenso nach innen. Lassen Sie uns gemeinsam ein paar dieser frechmutigen Ideen entdecken. 

Mit dem Motto: „Kluge Schachzüge im HR-Bereich werden belohnt“, möchten die beiden Initiantinnen Astrid Braun-Höller und Melanie Vogel Unternehmen überzeugen, dass sich eine Investition in die Zufriedenheit der Mitarbeitenden durch die Schaffung einer frauen- und familienfreundlichen Atmosphäre auszahlt. Unter den diesjährigen Gewinnerinnen ist die Berliner Stadtreinigung (BSR). Sie überzeugte mit einer ausserordentlich nachhaltigen Frauenförderung.

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Die BSR gewinnt dieses Jahr als eine von fünf Preisträgerinnen den Strategie-Award.

„Kollegin sucht Kollegin“: Die Berliner Stadtreinigung macht’s vor

Dass ausgerechnet der städtische Betrieb BSR den ersten Platz abräumte, freut mich aus zwei Gründen speziell. Erstens ist die BSR wie die Verkehrsbetriebe Zürich ein städtischer Betrieb. Also ein Unternehmen, welches nicht per se mit pfiffiger Personalwerbung in Verbindung gebracht wird. Und zweitens ist BSR-Personalvorstand Andreas Scholz-Fleischmann seit neuestem mein Vorstandskollege beim BPM, dem Bundesverband der Personalmanager. Grund genug für einen kurzen Schwatz, zuerst einmal zum grundsätzlichen Bedarf der BSR. Andreas Scholz-Fleischmann dazu: „Wir brauchen mehr Frauen in der BSR vor allem an zwei Stellen: Im Bereich der Straßenreinigung und bei den Führungskräften. Die Straßenreinigung ist ein von jeher männlich geprägter Bereich im Unternehmen, bei dem aber durch den Leistungslohn recht gutes Geld verdient wird. Wir haben hier früher wenig Bewerbungen von Frauen bekommen und sprechen sie nun seit ein paar Jahren bewusst an. Im Führungskräftebereich wollen wir unseren Frauenanteil (heute knapp 40 %) weiter deutlich erhöhen. Nicht nur aus demographischen Gründen streben wir hier eine volle Parität an.“ Wow, das nenne ich mal ehrgeizige Ziele. Wie das gehen soll? Erst einmal durch Personalerhaltung, bringt Barbara Seidler, Gesamtfrauenvertretung der BSR, die Strategie des Unternehmens auf den Punkt: „Die Frauen, die wir haben, wollen wir halten und fördern.“ Um dies zu erreichen, legt die BSR einen Schwerpunkt auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Doch im Gegensatz zu vielen Unternehmen, die sich diese Vereinbarkeit auf die Flagge schreiben – einfach weil es so schön fortschrittlich tönt – handelt die BSR tatsächlich. Sie bietet ihren Mitarbeitenden die Möglichkeit zur flexiblen Arbeitszeitgestaltung und führt im Rahmen des Zertifikats berufundfamilie jährliche Workshops durch, um die bestehenden Massnahmen zu prüfen und allenfalls zu optimieren. Zudem sie lädt zur jährlichen Gleichstellungskonferenz für Mitarbeitende und Führungskräfte. Nebst themenspezifischen Input-Referaten bietet die Konferenz die Möglichkeit zur aktiven Beteiligung der Mitarbeitenden im Bezug auf die Weiterentwicklung der Frauen- und Familienfreundlichkeit in der BSR.

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Aktionstag der BSR im Rahmen der Fussball-Frauen-WM 2011.

Ob die Frauen bei so viel Familienfreundlichkeit von selber zur BSR kommen oder ob doch Personalmarketing-Aktivitäten nötig seien, um überhaupt genügend Mitarbeiterinnen zu haben, die zu fördern gilt, frage ich Barbara Seidler. „Mit dem Personalmarketing stehen wir noch ein bisschen am Anfang“, antwortet sie mir. Aber: Im Jahr 2010 startete die BSR die Aktion „Kollegin sucht Kollegin“ und sprach damit gezielt Frauen an. Erklärtes Ziel war es, die Hälfte aller Neuanstellungen mit Frauen zu decken. Diese fest vereinbarte Einstellungsquote konnte nicht nur direkt nach der Aktion, sondern bis heute eingehalten werden. „Es erreichen uns seitdem insgesamt mehr Bewerbungen von Frauen, vermutlich auch, weil inzwischen immer mehr Frauen im BSR-Orange sichtbar sind“, erklärt Seidler.

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 Aktionstag „Women’s-Day“: Eine Mitarbeiterin der BSR erklärt einer Interessentin die Technik.

Die VBZ suchen Quereinsteigerinnen mit sehr direkter Ansprache

Hut ab“ für diesen Erfolg. Auch bei den VBZ – der Berliner Stadtreinigung als Unternehmen im öffentlichen Dienst gar nicht so unähnlich – haben wir bereits zweimal aktiv für mehr weibliche Mitarbeiterinnen geworben. Über unseren neusten Coup „Quereinsteigerinnen gesucht“ habe ich bereits ausführlich inkl. Video-Interview gebloggt. Hier. Auch wir können Erfolge verzeichnen, mit weitreichenden Folgen für Zürichs Männer:

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Tatsächlich konnten wir die Frauenquote bei einer ersten Kampagne im Jahr 2012 unter den Bewerbungen glatt verdoppeln. Zahlen betreffend Auswirkungen der neuen Quereinsteigerinnen-Kampagne auf die Anstellungsquote von Frauen liegen noch nicht vor.tramgesucht

Während es mit der Gewinnung von Frauen schon ganz gut klappt, stehen wir punkot Förderung der Frauen- und Familienfreundlichkeit bei den VBZ noch eher am Anfang. Die unregelmässigen Arbeitszeiten und die nötige Fahrpraxis, insbesondere kurz nach der Ausbildung, stellen die VBZ vorallem im Bereich Fahrdienst vor eine Herausforderung. Doch wir bleiben dran. Und wer weiss – vielleicht können wir uns schon im nächsten Jahr mit einem nachhaltigen Konzept für den Strategie-Award bewerben. Der würde sich nämlich gut machen in unserem Trophäen-Schränkli.

Der Strategie-Award

Darum hab‘ ich gleich mal bei der Initiantin Astrid Braun-Höller nachgefragt, was wir denn noch so tun müssen, um im nächsten Jahr garantiert abzuräumen.

Frau Braun-Höller, worin unterscheiden sich die Unternehmungen, die den Strategie-Award ergattert haben, von anderen? Was muss man mitbringen?

„Ganz einfach: Sie gehören nicht zu den Unternehmen, die Frauen- und Familienfreundlichkeit in Hochglanzbroschüren, Internetauftritten und Kongressen propagieren, es aber intern nicht leben. Sondern zu denen, die hier anders sind. Die tun, was sie sagen, darüber sprechen, was sie tun und das mit klugen, frischen Ideen, eingebunden in ein strategisches Gesamtkonzept.“

Mal abgesehen davon, dass sich die einzelnen Unternehmen über den Award freuen, was soll die Verleihung in einem grösseren Kontext bewirken?

„Um den aktuellen Herausforderungen im HR-Management zu begegnen, sind Strategien gefragt. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt jeglichen Handelns. Dazu braucht es Menschen,  die die Klaviatur professioneller Öffentlichkeitsarbeit beherrschen, kluge Schachzüge im HR-Bereich machen und Versprechen nach außen auch innen halten. Der Award zeigt diese Menschen mit ihren herausragenden Strategien, schenkt ihnen PR und bietet Inspiration für andere. Damit ist er einzigartig und die Vision ist, ihn zu einer Marke zu etablieren.“

„Mädchen und Technik? Na klar!“ … sagen die Vorarlberger Industriellen und Ford

Beeindruckt hat mich auch die Strategie-Award-Bewerbung von Ford. Denn Ford setzt mit der Frauenförderung genau da an, wo die bisherige Denkweise revolutioniert werden muss: beim Nachwuchs. Das Projekt „Frauen in technischen Berufen“ (FiT) mit dem pfiffigen Slogan „Mädchen und Technik? Na klar!“ bietet Schülerinnen einen Einblick in die Welt der Technik.

Führungen, Ferienpraktika oder auch einen persönlichen Austausch mit Mitarbeitenden von Ford sollen die Mädchen für technische Berufe begeistern. Und wer jetzt denkt, dass Projekt sei nigelnagelneu und daher so innovativ, der irrt sich: bereits 1999 hat Ford die FiT-Aktion gestartet. Entsprechende Erfolge sind deutlich sichtbar: Der Anteil weiblicher Auszubildender in technischen Berufen hat sich nämlich verdoppelt.

Ein ähnliches Konzept verfolgen auch unsere Nachbarn in Österreich, die Voralberger Elektro- und Metallindustrie (VEM). An Aktionstagen können junge Faruen die verschiedensten technischen Berufe kennenlernen und sich mit Auszubildenden austauschen. Begleitet wird die Kampagne von verschiedenen Workshops mit dem Ziel, die Projetkpartnerinnen und -partner aus der Wirtschaft darauf zu sensibilisieren, wie das Arbeitsumfeld gestaltet werden muss, damit sich junge Faruen in technischen Berufen wohlfühlen. Seit Start der Kampagne im Jahr 2002 konnte die Anzahl weiblicher Lernender nämlich verfünffacht werden. Die VEM hat erkennt: Die Zukunft ist weiblich, die Technik auch.“

Und die Männer?

Frauen zu fördern ist wichtig, Klischees von Frauen in Männerberufen abzubauen auch. Aber wie sieht es eigentlich andersrum aus? In Branchen, die von Frauen dominiert werden? Gemäss einer Studie des Statistischen Bundesamtes Deutschland (DESTATIS) betrifft dies die Wirtschaftsbereiche öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialerversicherungen, Erziehung & Unterricht, Gesundheit und Sozialwesen. Einen Frauenanteil von 72.8% wurde 2010 in diesen Branchen gesamthaft gemessen.

Wie der öffentliche Verkehr wächst auch der Bereich der externen Kinderbetreuung in der heutigen Zeit konstant. Dieser Entwicklung begegnet das Projekt „Vielfalt, MANN!“ mit einer frischen, witzigen Personalmarketingkampagne für mehr Männer in Kitas.

Ziel ist es, Männer über die Vielseitigkeit de Berufs des Erziehers zu informieren und die Perspektiven dieser Branche aufzuzeigen. Die Kampagne besticht durch viele Fotos, Erfahrungsberichte und Bewegtbilder, im Zentrum steht eine Handvoll junge Männer, welche das Klischee des Erziehers als typsischen Frauenberuf innert Minuten aus dem Weg räumen. Dies ist ein weiteres, sehr erfolgreiches Beispiel: Innert nur zwei Jahren konnte die Anzahl Männer an den Hamburger Fachhochschulen um 73% und die Anzahl Studierender im Allgemeinen um 40% gesteigert werden, zudem verdoppelte sich die Anzahl Teilnehmender der berufsbegleitenden Weiterbildung. Herzliche Gratulation!

Auf Wiederlesen.