Eine neue Generation drängt auf den Arbeitsmarkt. Mit ihr kommen wieder neue Bedürfnisse und Anforderungen auf die Arbeitgeber und ihre Positionierung auf dem Arbeitsmarkt zu. Flexible Arbeitszeitmodelle sollen bald schon wieder von gestern sein. Warum ich mich darüber fast ein wenig schelmisch freue.

Der Generation Z macht man so schnell kein X für ein Y vor. Bisweilen verfolge ich die ganzen Diskussionen um die Generationen eher belustigt als neugierig. So vieles wurde schon geschrieben. So manches wieder revidiert. Und in meinen eigenen Beobachtungen kann ich meist ebenso oft Bestätigung wie Widerspruch zu den gängigen Theorien finden. Ausserdem, nur so, damit das auch mal gesagt ist, unterstelle ich vielen der als Studien verkleideten oft ganz simplen Umfragen eine nicht bösartige – aber doch – Einseitigkeit. Meist werden junge, sehr gut ausgebildete Wissensarbeiter mit entsprechend hoher Employability befragt. Sie decken gerade einmal ungefähr einen Drittel des Arbeitsmarkts ab. Verkäuferinnen, Automechaniker, Spengler, Umzugsmitarbeiter, Servicefachkräfte oder Pflegefachleute – meist werden sie wie hundertausende Anderer von der Befragung ihrer beruflichen Bedürfnisse und Wertehaltungen ausgeklammert. Das nur so am Rande.

 

Die Generation Z tickt wieder anders

Vor kurzem moderierte ich die wunderbare Azubi- und Schülermarketingtagung in Berlin. Die Keynote kam von Professor Christian Scholz von der Universität Saarbrücken und sie war wirklich interessant. Scholz befasst sich intensiv mit der Generation Z und deren Ansprüchen an die Arbeitswelt. «Vergessen Sie flexible Arbeitszeitmodelle, wenn Sie die nachrückende Generation für Ihr Unternehmen gewinnen wollen», notierte ich mir eine der Aussagen von Scholz in mein Notizbuch. Ums Himmels willen, das ist wahrlich keine Petitesse. Ist New Work schon wieder Old School? Schon wieder alles anders? Kaum die starren Arbeitszeitmodelle mühselig flexibilisiert und schon ist wieder alles aus und vorbei? Bedauernswerte Personaler. Und Christian Scholz meint es ernst. Der Welt sagte er kürzlich in einem Gespräch dazu: «Denkrichtung und Merkmale dieser Jugendlichen sind vollkommen anders als die der Generation Y.». Und, auf den Punkt gebracht: „Z-ler wollen geregelte Arbeitszeiten, unbefristete Verträge und klar definierte Strukturen im Job haben“, so der Arbeitsweltexperte. Päng! Das sitzt!

 

Zurück in die Zukunft: Flexible Arbeitszeitmodelle zurückdrehen

Aber hallo? Wieder zurück in die Zukunft, die Jungen sind also wieder zurück bei den Werten ihrer Eltern? Ob dem so ist bzw. sein wird – die Generation drängt erst jetzt so richtig auf den Arbeitsmarkt – wird sich weisen. Eine gewisse Sympathie für diese Haltung kann ich aber nicht verhehlen. Klar, die Vorzüge der Aufweichung der Arbeitszeiten sehe ich auch. Meine beiden Mitarbeitenden arbeiten so. Aber ganz persönlich sehe ich gewisse Entwicklungen der letzten Jahre durchaus auch kritisch. Sie werden bei all den euphorisiert vorgetragenen Vorteilen kaum je erwähnt. Mit einer guten Prise Provokationslust präsentiere ich hier meine ganz persönliche Hitliste der Ärgernisse der flexiblen Arbeitszeitformen – als Gegenentwurf zur gängigen Lobhudelei über New Work, Arbeiten 4.0 oder… you name it. Und vielleicht helfen meine Top 3 der Flexwork-Ärgernisse schon bald als mentale Eisbrecher allen, die sich mit dem Zurückdrehen der flexiblen Arbeitszeitmodelle für die Generation Z noch schwer tun.

 

Punkt 1: Flexible Arbeitszeitmodelle sind verkappte Arbeitszeitreduktionen

Manchmal frage ich mich, ob nicht eigentlich blöd ist, wer Teilzeit arbeitet, sagen wir zum Beispiel 80 oder 90 Prozent, und somit mit einer entsprechenden Lohneinbusse ganz offiziell zu Hause bleibt. Der Zaubertrick, der Fünfer und das Weggli, wie wir in der Schweiz sagen, heisst Home Office. Zelebriert wird die neue grosse Freiheit mit Vorliebe am Freitag, habe ich festgestellt. Warum eigentlich ist das «Arbeiten zu Hause» ausgerechnet an diesem Tag so beliebt? Weil er Frei-Tag heisst? Oder ganz zufällig das Wochenende einläutet? Warum macht eigentlich kaum jemand am Dienstagmorgen Home-Office? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und ein verqueres Menschenbild meinerseits, ich weiss. Auch bei jungen Eltern ist Home Office urplötzlich gross in Mode, sobald der Nachwuchs da ist. Ich erinnere mich an die Zeiten als junger Vater. Es war eine sehr intensive Phase und ein auch zeitlich fordernder Lebensabschnitt. Wie Arbeit und Kinderbetreuung im Home Office so wunderbar optimal zusammengehen, erschliesst sich mir noch nicht ganz.

 

Punkt 2: Die Arbeitsorganisation wurde komplizierter – und die Vollzeiter sind die Dummen

Bleiben wir doch noch kurz bei meinem Lieblingsthema, dem Home-Office-Frei-Tag. Hatten Sie auch schon mal das zweifelhafte Vergnügen, an einem Freitagnachmittag, sagen wir mal so gegen 14.00 Uhr, also noch weit weg vom üblichen Feierabend, einen Termin für den Wochenanfang zu terminieren? Wenn ja, wissen Sie es: Chancenlos. Vergessen Sie es. «Nein, Herr Müller-Heinrich ist heute Nachmittag im Home Office», heisst es dann landauf-landab von den Kolleginnen oder Kollegen am Telefon, die im Büro die Stellung halten müssen. Gerne auch mit dem Nachsatz: «Nein, telefonisch ist er nicht erreichbar, schreiben Sie ihm eine Mail, die liest er meist.» Meine schon auf der Zunge liegende Antwort «Untertänigsten Dank für die Erlaubnis, eine Mail schreiben zu dürfen», kann ich mir dann oft nur ganz schwer verkneifen. Und auch die Abwesenheitsassistenten laufen heiss: «Guten Tag. Ich bin immer Montagnachmittag, Donnerstag und Freitagmorgen für Sie da.» Toll, danke, ich notiers mir in mein Outlook, damit ich dann den Donnerstag nicht verpasse.

Wenn Home-Office, dann erwarte ich auch, dass meine Ansprechpartner einfach erreichbar sind und nicht ihre Work-Life-Balance auf meine Kosten optimieren. Die Bringschuld auf die Geschäftspartner und Arbeitskollegen abwälzen, ist unfair. Sollen sie es doch wieder versuchen, aber gefälligst an einem (für mich) normalen Wochentag. So geht’s nicht, das kann nicht die Idee von Home Office sein. Die Anrufumleitung ins Home Office gehört zum guten Ton und ist Mindestanstand.

Gibt es eigentlich noch Büromenschen, die am Freitagnachmittag im Büro anzutreffen sind? Einen ganz grossen Vorteil hat dieser Trend: Freitags um 17 Uhr heisst es immer öfter: Freie Sitzplatzwahl im öffentlichen Verkehr, freie Bahn auf den Strassen.

 

Punkt 3: Freizeitparks und Hundesitter atmen auf

Hundesitter gehörten in die Liste der vom Aussterben gefährdeten Berufe. Für einmal nicht wegen der bösen Roboter, sondern wegen dem Spassort Büro. Doch Hilfe für diesen gebeutelten Berufsstand ist in Sicht. Die Generation Z will wieder klarere Trennlinien zwischen Beruf und Privatem und klare Strukturen, sagt Arbeitsmarktforscher Scholz. Ganz ehrlich, mir soll es recht sein. Man könnte bei manchen Diskussionen fast schon meinen, Tischfussball, kambodschanische Entkrampfungsmassagen, Bügelservice für Hemden, das vegane Dessertbuffet in der Kantine und die Wasserschale für Fido seien ein Grundrecht, über den Betriebsrat einklagbar oder notfalls beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. Okay, ich bin vielleicht zu alt und zu wenig Y. Ich finde: Am Arbeitsplatz sollte man Spass haben. Miteinander lachen. Schon einmal etwas Privates erzählen. Ab und zu sein Facebook-Profil checken und den einen oder anderen privaten Anruf machen dürfen. Kein Thema. Aber ein Arbeitsplatz heisst Arbeitsplatz, weil… eben. Spätestens, seit in jedem dritten Steueramt auch noch eine Dartscheibe und knallgrüne Sofas als Zeichen von Coolness und Lockerheit stehen, ist es doch eigentlich vorbei. Wer sich vergnügen will, soll das tun. Auf dem Fussballplatz. Im Partykeller oder im Freizeitpark. Jedem Ort seine Bestimmung.

Und dann müssen wir noch über die Tiere sprechen. Ungern, denn damit kann man eigentlich nur verlieren. Zumindest, wer so tickt wie ich. Auch Tiere sind mittlerweile längst Teil von «New Work» und Sinnbild ihrer Auswüchse geworden. Ich denke da weniger an Kaimane, Katzen oder Wellensittiche, sondern an Hunde, klar. Die vierbeinigen Freunde des Menschen gehören wo auch immer hin, aber nicht ins Büro. Der Haare wegen. Wegen des Mundgeruchs. Wegen der Beschmutzung heller Anzugshosen. Wegen der Unruhe, die sie bringen. Scheinheilig wird dann gerne von den «Hündelern» darauf hingewiesen, dass sich die Kollegen nicht daran störten, im Gegenteil. Papperlapapp – das ist purer Gruppendruck, soziale Geiselhaft. Wer (naja, ausser mir, ich mag Hunde halt einfach nicht) will sich schon als unaufgeschlossenes, unkollegiales, ja sogar asoziales Wesen outen? Doch wer schon einmal bei einem Kundengespräch von Hundegebell gestört wurde weiss, wovon ich spreche. Muss man nicht unbedingt haben.

 

In diesem Sinne: Liebe Generation Z, seid willkommen. Ich freue mich auf Euch!

 

Nachsatz: Bevor Sie sich nun zu allzu sehr gehässigen oder herablassend-mitleidigen Kommentaren provoziert fühlen: In dieser Text-DNA steckt unter anderem auch eine fast schon frivole Lust an augenzwinkernder Provokation, kräftig gewürzt mit einer guten Prise Ironie.

Dieser Artikel ist unter dem Titel: New Work oder Old School? Warum ich mich auf die Generation Z freue auch als Insider-Beitrag auf Xing erschienen.