Wer in diesen Tagen in Hannover ein Tram oder einen Bus besteigt, dürfte sich wundern. Dort tragen seit diesem Sommer nicht nur Frauen einen Rock, sondern auch Männer. Zehn mutige Männer tragen einen Kilt, einen schottischen Männerrock und werben damit um mehr weibliche Arbeitskolleginnen. Üstra rockt heisst das dann. Da steckt viel Frechmut drin.

Die Hannoverschen Verkehrsbetriebe AG, kurz üstra, betreiben die Stadtbahn und das Busnetz in Hannover. Wie anderswo auch nimmt der Rekrutierungsdruck demographiebedingt laufend zu. 600 Neuanstellungen stehen in den nächsten Jahren an. Frauen sind wie in der ganzen Branche des öffentlichen Verkehrs eine interessante weil bislang schlecht erreichte Zielgruppe. Gerade einmal 16 Prozent der rund 2000 Mitarbeitenden der üstra sind Frauen.

Doch wie lassen sich Frauen für die bislang in unseren Breitengraden (und beispielsweise ganz im Gegensatz zu Osteuropa) typischen Männerdomänen ansprechen? Sicher nicht mit den grossartig kreativen (m/w)-Kürzeln in den meist langweiligen Stellenanzeigen. Und wohl noch weniger mit den wirklich sensationell motivierenden Sätzen wie „aufgrund der Teamzusammensetzung freuen wir uns über Bewerbungen von Frauen ganz speziell“. Dann doch wohl doch eher mit einer frechen Kampagne, die augenzwinkernd darauf hinweist, dass Frauen speziell willkommen sind:

üstra rockt!

Personalvorstand Wilhelm Lindenberg zum aussergewöhnlichen Vorgehen: „Wir wollen mit dieser Kampagne in erster Linie Frauen ansprechen, weil diese Zielgruppe bislang im Fahrdienst und in den technischen Berufen deutlich unterrepräsentiert ist. Ausserdem bringen Frauen wichtige Kompetenzen, wie Kommunikationsstärke sowie Kunden- und Serviceorientierung mit, die für einen guten und zukunftsfähigen Mobilitätsdienstleister von entscheidender Bedeutung sind.“

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Männer zeigen Mut – und Bein

Die Kampagne ist eine von mehreren Maßnahmen der üstra, um als Arbeitgeberin stärker in den Fokus potenzieller Bewerberinnen und Bewerbern zu rücken. Das enorme Medieninteresse zeigt, dass die Verantwortlichen mit dieser Kampagne einen Volltreffer gelandet haben. „Wir haben mit unseren waschechten Bus- und Tramfahrern im Männerrock eine regelrechte Medienwelle ausgelöst. Zunächst berichteten die regionalen Zeitungen über unsere Männer, die Bein zeigen. Das setzte sich überregional fort, befeuert auch durch Foren und Blogs der sozialen Medien. Die Reichweite ging bis Niederlande, Türkei, Frankreich, Taiwan und Samoa. Etliche Fernsehsender folgten regional und überregional.

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„Ein Moderator von ARD interviewte uns und trug dabei ebenfalls begeistert einen Männerrock, um mitzurocken. Das hohe Interesse hielt einen guten Monat an und wir kriegen nach wie vor noch vereinzelt Presseanfragen.“ sagt Projektleiterin Claudia Kudlinski von der üstra und fügt nicht ohne Stolz an: „Wir sind ist das erste Verkehrsunternehmen, wo es Männern überhaupt erlaubt ist, Rock zu tragen.“ Damit folgen die üstra durchaus einem Modetrend der letzten Jahre.

Ganz schön frech: Kampf ums Tramcockpit mit Hula-Hoop Contest

Dabei scheinen die Hannoveraner so richtig Geschmack an frechmutiger Personalwerbung gefunden zu haben. So lassen sie schon einmal zwei Mitarbeitende beim Hula-Hoop Contest spielerisch untereinander ausmachen, wer sich den Schlüssel zum Tram ergattern kann.

Wer sich in der Personalwerbung aus dem Fenster lehnt, muss auch Gegenwind aushalten können. Wie bei der erfolgreichen Personalwerbung der Verkehrsbetriebe Zürich meldeten auch in Niedersachsen humorlose Spassbremsen und fast schon unweigerlich auch Feministinnen Bedenken an. Doch Denise Hain vom Betriebsrat kontert hier im ARD-Magazin Brisant souverän.

Der Presserummel war enorm und einzelne Journalisten bisweilen ähnlich mutig wie die Hannoveraner selber. Claudia Kudlinski: „Der tollste Sympathiebeweis war, dass ein Moderator zum Interview selbst einen Männerrock trug. Da war sofort das Gespräch auf Augenhöhe möglich von Mann zu Mann: Wie cremst du dir die Knie ein, sitzen die Strümpfe richtig, usw. Den meisten Medienvertretern gefallen unsere Fahrer im Rock sehr gut, weil es mutig ist, überrascht, Vorstellungen des biederen Verkehrsunternehmens und Erwartungen sprengt. Wir haben natürlich auch Kommentare wie „Männer im Peniskostüm“ bekommen, das förderte und belebte ebenfalls den Diskurs.“

Neue Perspektiven und Männergespräche

Wenn Männer plötzlich öffentlichkeitswirksam Röcke tragen, gibt das natürlich zu reden. Projektleiterin Claudia Kudlinski weiss: „Öffentlichkeit wie auch Fahrgäste reagierten größtenteils sehr positiv wie sieht super aus, endlich mal etwas Positives in tristen Zeiten. Viele konnten gar nicht glauben, dass es sich um echte Fahrer handelt und nicht um Modelle. Frauen baten um Autogrammkarten und fragten, ob sie sich einen Fahrer aussuchen dürften. Un dann natürlich immer wieder die Frage nach dem darunter („Was tragen die Männer unterm Rock?“). Passanten ließen sich mit unserer Rockgruppe fotografieren. Andere teilten mit, hätten sie nicht schon ihren Lieblingsjob, würden sie sich sofort bewerben oder „schade, ich habe schon einen Ausbildungsplatz, hätte ich das geahnt…“ Die Mitarbeiter anderer Verkehrsunternehmen wie der Berliner BVG wünschten sich von ihrem Unternehmen ebenfalls so viel Frechmut: „Das muss unbedingt alltägliche Mode werden auch bei uns“, so der Tenor einiger Berufskollegen. Wir wurden wirklich von allen Seiten beglückwünscht. Das war wie ein Rausch.“

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Vor allem machten aber die Männer selber interessante und neue Erfahrungen.  Noch einmal Claudia Kudlinski: „Die üstra Männer zierten sich keinen Moment, für Frauen einen Rock als Willkommensgruß einen Rock zu tragen. Sie traten sehr selbstbewusst auf. Ihre modische Botschaft: So wie wir Rock tragen, können Frauen große Fahrzeuge führen. Immer wieder wurden sie gefragt, ob sie das freiwillig tun. Und für sie selber kamen auf einmal ganz andere Themen auf. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mal meinen Rock aufbügele“, meinte einer. Andere Fragen: Sitzt der Rock so auch richtig? Wie zieht man ihn genau an? Mit welcher Beinform sieht es am besten aus? Muss er über oder unterm Knie sitzen? Wie sitze ich überhaupt damit? Breitbeinig funktioniert nicht ganz so gut, dafür kneift nix mehr im Schritt. So ein luftiges ungezwungenes Gefühl im Rock, da hat Mann mehr Tragekomfort. Die Fahrer wurden  kleine Stars, auf der Straße erkannt und Frauen wollen gerne Selfies mit ihnen machen. „Reserviert mir den Linken (auf dem Plakat), war zu hören. Das wertet auch das persönliche Ansehen des einzelnen Fahrers auf und wirkt sich insgesamt sympathisch aus. Ich könnte noch viel dazu erzählen, aber unsere rockenden Männer sicherlich noch viel mehr.“

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Deutliche Steigerung des Frauenanteils bei den Bewerbungen

Doch trägt das Vorgehen auch zählbare Früchte in Form von Bewerbungen und Anstellungen? Noch einmal Claudia Kudlinski: „Die Kampagne ist noch frisch. Sie läuft seit 8 Wochen. Zum ersten Mal wirbt die üstra für überhaupt sich als Arbeitgeberin mit dieser Image- und Rekrutingkampagne. Das ist sehr gut und öffentlichkeitswirksam gelungen. Wir sind damit in aller Munde und haben die üstra als interessante, moderne Arbeitgeberin gesetzt.  Die weiblichen Bewerberzahlen haben deutlich angezogen. Vor der Kampagne lag der Anteil bei knapp 20% – jetzt bei über 50%!

Ein angebotener Schnupperkurs für Frauen im September war mit 30 Teilnehmerinnen nach zwei Stunden ausgebucht. Die Telefone im Personalbereich glühten. Die Mitarbeiter konnten nicht alle aufnehmen und führten stattdessen eine Strichliste mit rund 200 Interessierten, die telefonisch durchkamen. Wir hätten sofort noch weitere Kurse füllen können, was aber die internen Kapazitäten gesprengt hätte. Aufgrund des hohen Interesses startet am 10. November der nächste Schnupperkurs für Frauen, der ebenfalls sofort ausgebucht war. Bei den Schnupperkursen schauen unsere Männer im Kilt vorbei. Das verbreitet Spaß, gute Laune und spricht sich rum. Sie sind unsere Markenbotschafter. Die Herren beantworten zur Freude der Damen auch die Frage nach dem „drunter“ und schon sind alle locker im Gespräch. Der Personalbereich bestätigt auch bei den Azubistellen deutlich mehr Interesse von Frauen an technischen Berufen (über 50%). Die Bewerbungsfrist läuft hier noch bis Januar 2016.“

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Eine schöne Idee, die sich im Übrigen nicht nur auf die rocktragenden Botschafter beschränkt, sondern auch über Plakatwerbung, Werbung an Fahrzeugen oder beispielsweise Informationsveranstaltungen speziell für Frauen Wirkung erzielt. Darüber hinaus lässt die üstra aber auch mit anderen Massnahmen den Worten zu Frauenförderung konkrete Taten folgen. Beispielsweise mit einem Ausbildungslehrgang ausschliesslich für weibliche Buspilotinnen.

Grossartig! Ich ziehe meinen Kilt Hut! Insbesondere auch vor dem Mut der Unternehmensführung, die nicht nur die Kampagne absegneten, sondern natürlich auch selber Kilt tragen.

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Auf Wiederlesen

P.S. Ein herzliches Dankeschön an Claudia Kudlinski für die ausführlichen Hintergrundinformationen!

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