Die Schweiz ist berühmt für Schoggi, Käse, Berge und Seen. Und natürlich für ein paar Dinge mehr. Dazu zählt auch das Berufsbildungssystem, auf das wir stolz sind. Lernende auszubilden, hat für viele Schweizer Firmen Tradition und sie tun es mit viel Leidenschaft. Viele Ausbildungsbetriebe sind für junge Menschen ein «Great Place to Start» in die Berufswelt. Erste Unternehmen wurden jetzt zertifiziert.

Bei aller Bescheidenheit und gutschweizerischer Zurückhaltung: Wir haben das vermutlich beste Berufsbildungssystem der Welt. Viele Menschen starten auf der Basis einer Berufsausbildung durch und schaffen es mit Fleiss, Cleverness, Talent und gezielten Weiterbildungen ganz nach oben. So zum Beispiel die aktuellen CEO’s von Coop, Denner, Lindt&Sprüngli, Kuoni oder Tamedia. Grossartig.

Grossartig ist auch das Engagement, das viele Unternehmen rund um die Ausbildung des Nachwuchses an den Tag legen. Rund 60’000 Lehrbetriebe gibt es in der Schweiz. Für die meisten ist die Lehrlingsausbildung nicht nur längerfristige Personalbedarfssicherung, sondern fast schon so etwas wie «Ehrensache». Tausende von Führungskräften und Berufsbildnerinnen sind mit Leib und Seele dabei und geben dem Nachwuchs das nötige Rüstzeug für das Berufsleben mit auf den Weg.

Das auf Mitarbeitendenbefragungen und Kulturanalysen spezialisierte Beratungsunternehmen Great Place to Work nimmt sich jetzt neu auch der Ausbildungsqualität in der Schweiz an. Es hat über 2800 Lernende danach gefragt, was ihnen bei der Ausbildung wichtig ist und wie gut ihre Erwartungen schon erfüllt werden. Die Befragung (28 Fragen) zur Ausbildungskultur fliesst zusammen mit der Evaluation des Ausbildungskonzepts in eine Gesamtbewertung ein.

Unternehmen aller Grössen und Branchen, welche die Mindestkriterien erfüllen, erhalten die Auszeichnung «Beste Lehrbetriebe der Schweiz». Ein Ranking wie «bei den Grossen», den Berufserfahrenen, gibt es jedoch (noch) nicht.

Im Pilotprojet stellten sich die ersten 15 Unternehmen dem Zertifizierungsverfahren. Jetzt liegt die Auswertung vor. Fünf Unternehmen schaffen auf Anhieb die nötigen Kriterien und dürfen sich fortan «Beste Lehrbetriebe der Schweiz“ nennen:

 

•                 login Berufsbildung AG (1910 Lernende)

•                 Allianz Suisse (65 Lernende)

•                 Graubündner Kantonalbank (42 Lernende)

•                 LIDL Schweiz (37 Lernende)

•                 100pro! berufsbildung liechtenstein (25 Lernende)

 

Bei den prämierten Ausbildungsbetrieben stimmt ganz offensichtlich das Gesamtpaket: 9 von 10 Lernenden stimmen der Aussage „Alles in allem kann ich sagen, dies hier ist ein sehr guter Ausbildungsplatz“ zu.

Ich habe mich mit Florian Manz, dem Studienleiter, kurz zu den Erkenntnissen der ersten Umfrage unterhalten:

Florian, was hat Dich beim Pilotdurchgang von Great Place to Start am meisten überrascht?

Florian Manz: Überrascht und gefreut hat mich die grosse Resonanz und das Interesse am Thema von Unternehmen aus allen Branchen. Es wird deutlich, wie stolz die Schweizer Unternehmen auf die Berufsausbildung sind, allerdings kämpfen die Ausbildungsabteilungen oft darum, die Bedeutsamkeit und den Einfluss im Unternehmen zu erhalten, die das Ausbilden und Entwickeln zukünftiger Experten eigentlich haben sollte. Zusätzlich war ich überrascht, wie viele Lernende sich nach der Erstausbildung nach Alternativen umsehen: sei es einer Weiterbildung im Rahmen eines Studiums, einer längeren Reise oder einem anderen Job. Hier besteht definitiv Potenzial.

 

Was sind denn nun die wichtigsten Kriterien für (angehende) Lernende bei der Wahl ihres Ausbildungsbetriebs, was ist ihnen wichtig?

Florian Manz: Es fällt den jungen Menschen nicht einfach, hier eine Einschätzung vorab treffen zu können. Wir hoffen, unsere Studie kann hierzu etwas beitragen. Die wichtigsten Kriterien, welche wir aus den Resultaten und offenen Kommentaren lesen können, sind: Für die befragten Lernenden ist eine faire Behandlung in der Ausbildung und die Kompetenz der Praxis- und BerufsbildnerInnen wichtig. Sie wünschen sich, in Entscheidungen einbezogen zu werden, die sie und ihr Arbeitsumfeld betreffen und sie schätzen ein Arbeitsumfeld, welches von Vertrauen und Respekt geprägt ist.

 

Eigentlich ja keine unverschämten Erwartungen. Und sie kommen mir auch von älteren Zielgruppen sehr bekannt vor. An welchen Stellschrauben sollen denn nun die noch nicht zertifizierten Betriebe drehen?

Florian Manz: Da gibt es verschiedene Punkte. Viele Lernende berichten, dass sie nicht als vollwertige Mitglieder behandelt werden, auf der anderen Seite von ihnen erwartet wird, wie alle anderen Mitarbeitenden anzupacken. Auch das Wissen, dass sie eigene Ideen und Kritik einbringen können und ernst genommen werden, ist eine wichtige Komponente. Zusätzlich verstehen es einige Unternehmen sehr gut, den jungen Erwachsenen zu vermitteln, dass sie einen wichtigen Beitrag für das Unternehmen, für sich und die Gesellschaft leisten – dies führt dazu, dass sich die Lernenden mit ihrem Beruf und dem Unternehmen identifizieren und engagiert bei der Arbeit sind.

 

Welchen Nutzen haben Firmen, die sich dem Zertifizierungsverfahren stellen?

Florian Manz: Mit der Studie und der Auszeichnung möchte Great Place to Work Schweiz die Ausbildungsbetriebe bei der Analyse ihrer Stärken und Entwicklungsfelder unterstützen, ihnen Anregungen für die Weiterentwicklung geben sowie Anerkennung für die guten Lehrbetriebe schaffen. Gemeinsam mit der Rückmeldung der Lernenden und der Evaluation des Ausbildungskonzeptes kann so die Ausbildungsqualität weiter gesteigert werden.

Wenn die eigenen Lernenden stolz über ihren Lehrbetrieb berichten, so ist dies mehr wert als eine teure Imagekampagne. Bei Great Place to Start werden alle Lernenden befragt – weil sie die glaubwürdigste Einschätzung für andere junge Stellensuchende geben.  

 

Und wie läuft so etwas ab, wie kann man sich das vorstellen?

Florian Manz: Der Aufwand für ein Unternehmen umfasst die Abstimmung zur Befragung (interne Kommunikation, Liste mit E-Mail-Adressen, Testen der Befragung; etwa 1/2 Tag) sowie die Beschreibung des Ausbildungskonzeptes (9 offene Fragen; etwa 1 Tag).

 

Eigentlich überschaubar, finde ich. Und was kostet das?

Florian Manz: Die Kosten sind abhängig von der Anzahl Lernenden und den gewünschten Dienstleistungen und starten bei 3’900 CHF.

 

Wie geht es nun mit Great Place to Start weiter?

Florian Manz: Wir haben in diesen Tagen stolz die „Besten Lehrbetriebe der Schweiz“ präsentiert. Wir sind bereits in der Planung und Abstimmung für den Start der nächsten Studie mit dem Start im November 2017 und freuen uns über zahlreiche teilnehmende Unternehmen. Weiter ist für Oktober und Januar jeweils ein Event zum Thema „Employer Branding für Lehrbetriebe“ mit unseren Kooperationspartnern geplant und wir freuen uns auf den spannenden Austausch, Vorträge und Diskussionen.

Vielen Dank, lieber Florian, und weiterhin viel Erfolg mit dieser interessanten Idee.

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