Der Schweizer Arbeitsmarkt geniesst einen ruhigen Herbst. Einen goldenen Herbst, sprich einen mit einer stabilen Grosswetterlage. Ein bisschen nüchterner ausgedrückt: „Der Schweizer Stellenmarkt ist im Vergleich mit dem Vorquartal auf hohem Niveau stabil“, kommentiert meine Blogger Friendly Company Adecco das 3. Quartal 2014 ihres Swiss Job Market Index. Der Schweizer Arbeitsmarkt läuft rund. Das gibt mir die Möglichkeit, mich mit Adecco Schweiz CEO Michael Agoras über Teamarbeit als Schlüssel zum Erfolg, Fussball und Egoplayer zu unterhalten.

Der Adecco Swiss Job Market Index zeigt, dass im dritten Quartal die freien Jobs in Industrie und Gewerbe noch einmal auf hohem Niveau zugelegt haben und bei den Regionen vor allem die Ostschweiz boomt.

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Um fast 20 Prozent ist dort die Nachfrage nach Personal gestiegen. Michael Agoras, CEO von Adecco Switzerland, kann sich die rasante Nachfrageentwicklung in der Ostschweiz so erklären:

„Der Trend in der Ostschweizer Wirtschaft zeigt schon seit längerem nach oben und erstreckt sich über fast alle Branchen. Besonders der Industrie- und der Bausektor präsentieren eine gute Geschäftslage und suchen entsprechend nach mehr Personal. Ich denke da an die regen Bauaktivitäten, wo vor allem im Ausbaugewerbe nach Fachkräften gesucht wird.“

Hingegen sind im Spätsommer einige Wolken über der Nachfrage nach persönlichen Dienstleistungen und in der Gastronomie aufgezogen. Hier hat das Stellenangebot spürbar abgenommen. Das überrascht nur bedingt. Jeder zweite der 26’000 Schweizer Gastronomiebetriebe arbeitet nicht kostendeckend, mutmasst die Neue Zürcher Zeitung über diese schwierige Branche.

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Die Gastronomie hat es generell nicht leicht – sie ist stark abhängig von Konjunktur und den Touristenströmen. Vom starken Franken und ihrer geringen Attraktivität bei Berufsleuten. Lange Arbeitszeiten, körperlich anstrengend, Schichtarbeit, schlechte Bezahlung und ein bisweilen rauer Umgangston wird dieser an sich spannenden Branche nachgesagt. Letzteres, also der Umgangston, bringt mich auf die Idee, mich mit Adecco Schweiz Chef Michael Agoras über Führung und Teamwork auszutauschen.

Gespräch mit Michael Agoras über Teamarbeit

Michi, aus gut unterrichteten Kreisen weiss ich, dass Du ein Chef bist, der mit Leib und Seele bei der Sache ist. Einer, der keine Allüren hat. Ein Macher statt ein Zauderer. Einer, der mit spürbarer Freude Neues anpackt und auch gegenüber unkonventionellen Lösungen aufgeschlossen ist, einer der…

Michael Agoras: „Hör auf, ich werde ja ganz rot, obwohl mir rot gefällt…“

… abwarten, es kommt schon noch anders. Du sollst nämlich auch ein Chef sein, der fordernd ist und unruhig wird, wenn sich die Dinge nicht ganz so und nicht ganz so schnell entwickeln, wie Du das gerne hättest. Dann kannst Du schon auch mal kurz angebunden sein, habe ich gehört…

Michael Agoras: „Das stimmt wohl, ja. Ich bin wie alle anderen Führungskräfte auch nur ein Mensch. Mit Stärken und Schwächen.“ Aber schön, offenbar überwiegen doch meine positiven Seiten (lacht).“

Du hast einmal in einem unserer Quartalsgespräche gesagt, dass Du Dir eine verspielte, kindliche Ader bewahrt hast. Diese Führungskompetenz liest man in der gängigen Wirtschaftsliteratur kaum. Hand auf’s Herz, macht so etwas in der heutigen Zeit wirklich einen guten Chef aus?

B_MG_9814Michael Agoras: „Davon bin ich überzeugt. Denn in der DNA dieser Eigenschaft stecken zentrale Erfolgsfaktoren unserer schnellen und komplexen Zeit: Neugierde. Selbstreflexion. Die Fähigkeit, aus „kleinen Dingen“ Energie zu schöpfen und Freude zu zeigen. Die Fähigkeit, sich zu begeistern. So etwas kann im Team ansteckend wirken.“

Team, ein gutes Stichwort. Lass uns doch ein wenig über Teamwork philosophieren. Also ich finde, dass Teamarbeit bisweilen überschätzt und starke Einzelkämpfer zu unrecht als Egoisten geringeschätzt werden. „Ego“ hat meines Erachtens auch ganz klare Vorteile – von denen das ganze Team letztlich profitiert. Karriereexpertin und Buchautorin Svenja Hofert schlägt in die selbe Kerbe: „Es wurde und wird mitunter zu viel in die Gruppe gelegt“, meint sie. Und weiter: „Viele Arbeiten sind besser alleine zu erledigen, Konzeptionieren und schreiben etwa. Es ist verrückt, so etwas gemeinsam zu machen, genau wie kreative Arbeiten oder komplexe Lösungsfindungen. Die Gruppe ist super für Feedback, vorausgesetzt es herrscht eine offene Kritikkultur und der eine weiß um die Stärken des anderen und schätzt sie auch. Man muss aber nicht alles gemeinsam machen. Das wird derzeit übertrieben, ob im Büro oder in der Schule.“

Wie siehst Du das? Wird Teamarbeit überbewertet, ist sie gar ein Mythos? Sind es denn nicht in erster Linie einzelne Menschen, die ihre Leistung abrufen, sich engagieren und ihr Wissen gewinnbringend einsetzen – wovon dann letztlich auch alle anderen profitieren?

Michael Agoras: „Schwierige Frage und darum auch nicht mit ja oder nein, schwarz oder weiss, zu beantworten. Das Miteinander in Arbeitsorganisationen ist komplex, vielschichtig und auch deshalb hochinteressant. Viele unterschiedliche Charaktere, Lebensmodelle und Interessen unter einen Hut zu bringen, ist nicht ganz einfach. Ich mag es nicht, wenn andere „Gurus“ so tun, als wüssten sie immer, was zu tun ist, um ein erfolgreiches Team zusammenzuschweissen. Es braucht nämlich immer auch ein Quäntchen Glück. Aber alles in allem bin ich ein Verfechter der Teamarbeit. Natürlich ist es wichtig, dass jede/r für sich die beste Leistung abruft. Aber ich glaube fest daran, dass gute Teamarbeit der Schlüssel zum Erfolg ist. Denn erst viele Einzelne machen ein Ganzes aus. Viele Einzelne bringen Fähigkeiten mit, die sich ergänzen und die – im Idealfall – wie ein Schweizer Uhrwerk ineinandergreifen. Wenn dann alle ein übergeordnetes Ziel verfolgen, dem sie sich mit Überzeugung verschrieben haben und auf das alle hinarbeiten, dann entsteht Energie.

Es ist hinlänglich bekannt, dass Wertschätzung mehr motiviert als Geld. Trotzdem machen viele Manager noch immer zu wenig Gebrauch davon. Wie hältst Du es damit?

Michael Agoras: „Ich unterschreibe das zu 100 Prozent. Wertschätzung, ein Lob, ein nettes Wort, ein Merci vielmal – es ist so einfach, ein leistungsförderndes Klima zu schaffen. Ich versuche, das immer wieder zu tun.“

Du bist ja auch ein grosser Fussballfan, Michi. Der Fussball gilt ja als DER Mannschaftssport schlechthin. Dein Herz schlägt für den FC Zürich und als Verwaltungsrat bist Du nah dran an dieser sicher etwas eigenen (Berufs-) Welt. Gelten dort die Team-Prinzipien aus der Berufswelt auch? Oder sind Fussballer nicht eher Einzelkämpfer, ja bisweilen Narzissten und Egoisten? Wo siehst Du Parallelen und Unterschiede?

Michael Agoras: „Ich sehe vor allem viele Parallelen. Es spielt keine Rolle, ob Teamarbeit wie im Fussball 11 oder wie in Unternehmen mehrere 100 oder gar tausende Mitarbeitende umfasst. Das Prinzip ist dasselbe: Beides sind Organismen, die lebendig sind, deren Mitglieder zusammen täglich viele Stunden verbringen und in die gleiche Richtung schauen. Eine weitere Parallele: Was in den Unternehmungen die Konzepte sind, ist das Training beim Fussball. In beiden Fällen wird der Ernstkampf geprobt, mögliche Situationen antizipiert, durchgespielt und neue Ideen ausgeheckt und eingeübt. In beiden Arbeitswelten entscheidet sich dann aber vor Publikum bzw. vor/mit Kunden, ob der Plan aufgeht, ob genug und das Richtige geübt wurde. In beiden Fällen geht es darum, nach dem Training bzw. der konzeptionellen Trockenübungen zu fokussieren, an einem Strang zu ziehen und für einander zu gehen.“

Ziemlich philosophisch für meinen Geschmack…

Michael Agoras: „… die Philosophie ist für mich die Basis. In der Theorie ist immer alles gut und möglich, aber sobald Menschen mit verschiedenen Charakteren aufeinanderprallen, dann wird es sich zeigen, was möglich ist. Wichtig ist, so wie im Unternehmen auch, dass allen klar ist, wohin man gehen will und was das nächste Ziel ist –ob das nun ein Jahresziel oder eben im Fussball die Meisterschaft oder einfach – im Sinne eines Tagesziels – der nächste Match ist. Dieses Ziel muss klar definiert und im Detail geplant sein. Damit alle wissen, wohin es geht und wer welchen Einsatz bringt. Das ist im Fussball nicht anders als im Büro.“

In dieser schönen Welt des Teamworks scheint es für Egoplayer keinen Platz zu haben. Dabei haben diese auch ihre Vorzüge. Und irgendwie fällt es mir schwer zu glauben, dass absolute Ausnahmetalente wie Yassine Chikhaoui beim FC Zürich einfach einer unter vielen sein soll.

Michael Agoras: „Doch im Grundsatz schon. Eine Fussballmannschaft agiert immer als Team. Selbst ein Chikhaoui bei uns ist nichts ohne seine Vorder- und Nebenleute. Mit seiner Nominierung zum Captain wird er auch ganz bewusst in die Verantwortung genommen. Er soll als Vorbild vorangehen und das Team prägen. Erst, wenn alle bereit sind, für einander zu gehen, einzustehen und das gleiche Ziel verfolgen und dahinterstehen, dann ist es möglich, Grosses zu erreichen: GEMEINSAM, das ist der Schlüssel. Das ist im Fussball so. Bei Adecco. Und in jedem anderen Unternehmen auch.“

Ein schönes Schlusswort, vielen Dank für das Gespräch, Michi. Auf Wiederlesen.