Die Situation ist hoffnungslos, kämpfen sinnlos. Ich spreche konsterniert von der Situation rund um die Arbeitszeugnisse. Eigentlich will diese doch niemand mehr. Erstaunlich, erschallt der Ruf nach der Abschaffung dieses aus dem Ruder gelaufenen Relikts vergangener Zeiten nicht lauter.

«Sie sprechen mir aus der Seele». Solche und andere Feedbacks habe ich auf meinen Artikel in der Schweiz am Sonntag vom 5. Februar 2017 erhalten. Darin schlage ich nichts weniger als die Kapitulation vor. Die Kapitulation vor dem komplett aus dem Ruder gelaufenen Irrsinn mit den Arbeitszeugnissen. Ich bin überzeugt: Der Schaden ist irreparabel. Mit dieser Meinung bin ich längst nicht mehr alleine. Auch Arbeitsmarktexperte Michael Agoras schlägt in die selbe Kerbe und wünscht den Arbeitszeugnissen Zitat: «ein schickliches Begräbnis».

Was an sich gut gemeint ist, macht längst niemanden mehr glücklich. Arbeitnehmer nicht. Arbeitgeber schon gar nicht. Alle misstrauen einander. Freuen können sich höchstens Juristen und Verlage. Ich wünsche viel Freude beim Auswählen des passenden Ratgebers aus über 500 Suchtreffern bei Amazon. Allein das spricht ja schon Bände.

 

 

Die Buchregale sind prall gefüllt mit Ratgebern, die Hilfe beim Entschlüsseln der Geheimcodes versprechen und Bausteine für juristisch wasserdichte Formulierungen mitliefern. Womit wir beim Problem wären. Gerade dieses Tamtam um die «Geheimcodes» zeigt, wie hoffnungslos verworren die Situation ist. Nicht genug, dass sich in den letzten Jahrzehnten tatsächlich solche «Codes» eingeschlichen haben. Verrückt an der Sache ist, dass mittlerweile selbst die Leidtragenden dieser Geheimsprache, die Mitarbeitenden, solche Codes einfordern. Jede/r Personalverantwortliche kennt Beispiele von Austretenden, die in ihrem Schlusszeugnis auf ein «grosses Bedauern» im Schlusssatz oder «vollste Zufriedenheit» in ihrem Leistungsausweis pochen. Beides ganz üble Codes, letzterer sogar, um der lächerlich-skurrilen Situation um die Zeugnisse noch die Krone aufzusetzen, mit einem Wort, das es gar nicht gibt (voll – voller – am vollsten?). Noch Fragen?

Arbeitnehmer lesen argwöhnisch zwischen den Zeilen und interpretieren selbst dort, wo es nichts zu interpretieren gibt. Dummerweise tun Arbeitgeber beim Studium der Bewerbungsdossiers genau das auch. Das ist gefährlich und leider helfen auch die vielen schlauen Ratgeber nicht weiter. Geben wir es doch einfach zu: Die Schose ist aus dem Ruder gelaufen. Hören wir auf damit.

Wer könnte den Stein ins Rollen bringen? Am ehesten wohl die Wirtschaftsverbände, deren Mitglieder ein vitales Interesse an der Abschaffung dieses Leerlaufs haben. Die Strafaufgabe «Zeugniserstellung» kostet auch KMU’s schnell einmal ein paar tausend Franken im Jahr. Eigentlich müssten ja auch die Gewerkschaften ein Interesse daran haben, diesen latenten Konfliktherd zu löschen, der so manchen Arbeitnehmer in seinem Fortkommen behindert statt befeuert. Daran zweifle ich jedoch, denn der juristische Beistand bei Arbeitskonflikten ist nach wie vor ein wichtiges Verkaufsargument bei der Mitgliederwerbung. So ist zu befürchten, dass es noch lange so weitergeht wie bisher. Schade.  

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