Diese Schlagzeile in meiner Sonntagslektüre liess mich aufhorchen. Sie erinnerte mich an die Frage, die mir oft gestellt wird: Sind Schweizer in der Personalwerbung mutiger, innovativer und frischer als Unternehmen in Deutschland?

Um meine Antwort vorwegzunehmen: Ich glaube nicht. Die Zahl der Firmen, die richtig gute und kunden- sprich bewerberorientierte Werbung machen, ist wohl in etwa gleich. Mal ganz ehrlich, die kulturellen Unterschiede und die Bildungssysteme sind ja sooo unterschiedlich nicht. Das gilt auch für Österreich. Es gab eine Zeit, da dachte ich, die Deutschen seien uns in der Anwendung pfiffiger und moderner Vorgehensweisen einen Tick voraus. Mittlerweile denke ich, es ist ein Trugschluss. Denn rein aufgrund der Grössenverhältnisse der beiden Länder müssen ja auf eine gute Schweizer Idee zehn gute aus Deutschland kommen. Also, es dürfte vermutlich in etwa auf das Selbe herauskommen, die Sache mit dem (Frech-) Mut Deutscher und Schweizer Personalerinnen und Personaler.

Die Sache mit dem AGG

Bei Vorträgen in Deutschland höre ich, meist im Zusammenhang mit frechmutigen Beispielen für die Ansprache von Frauen, den Aus- bzw. Einspruch: «Das ginge bei uns nicht.  Habt ihr denn kein AGG?» Doch, natürlich, bei uns heisst das Gleichstellungsgesetz. Ich gebe es zu, es ist wie so manche Paragraphen etwas weniger einschränkend um nicht zu sagen weniger weltfremd als sein deutsches Pendant. Aber ganz so hinterwäldlerisch sind wir dann doch nicht, auch wenn das Frauenstimmrecht bei uns erst nach der Erfindung der E-Mail landesweit eingeführt wurde (1971). Für mich ist das AGG, dessen 10-jähriges Jubiläum von Henner Knabenreich ausführlich gewürdigt wurde, auch ein wenig ein Synonym für Lustlosigkeit, vorauseilendem Gehorsam oder gar Resignation. Denn, und jetzt wage ich mich als Ausländer auf gefährliches deutsches Eis, denn ich glaube, dass auch in Deutschland weit mehr und Frechmutigeres möglich wäre. Ein konkretes Beispiel: Niemand hindert Sie doch daran, spezielle Zielgruppen wie: Frauen, Männer, Menschen aus Osnabrück, Bäcker, Kurierfahrerinnen, Hochschulabsolventen oder eben halt Frauen oder Männer speziell anzusprechen? Glauben Sie mir nicht? Recht haben Sie, schliesslich bin ich ja weder Deutscher noch Jurist. Er aber: Dr. Peter Rambach ist Fachjurist und hat für das PersonalMagazin die Kampagnen der VBZ, die sich ausschliesslich an Frauen wandten, unter die rechtliche Lupe genommen. Lesen Sie hier, was er dazu mit Blick auf die Anwendbarkeit in Deutschland meint:

 

AGG und Frauenkampagne

 

Selbstständigkeit

Zurück zum Artikel mit dem eingangs erwähnten Text aus der NZZ am Sonntag. Darin geht es ja im Kern nicht um Personalwerbung, sondern um die Empfindungen und Wünsche von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Eine Passage darin lässt mich aufhorchen und schmunzeln. So träumen offenbar viele Schweizer von der Selbstständigkeit, unter anderem weil sie sich davon ein ausgewogeneres Verhältnis von Freizeit und Arbeit versprechen. Mit der Erfahrung von 30 Jahren Angestelltenverhältnis und einem Jahr Selbstständigkeit kann ich dazu nur sagen: Die Selbstständigkeit ist grossartig, inspirierend, lehrreich ohne Ende und manchmal sogar auch ein wenig crazy. Sie ist alles, sie macht Spass – aber sie ist definitiv die schlechteste Idee für eine ausgewogene Balance von Arbeit und Privatem. Sofern sich eine solche Trennlinie überhaupt noch ziehen lässt. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

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Ich wünsche Ihnen einen frechmutigen Tag – übertreten Sie doch heute einfach mal die Grenzen des Üblichen. Begeben Sie sich in die juristischen und sonstigen Grauzonen der Personalwerbung, rücken Sie die Bedürfnisse der Kandidaten konsequent in den Mittelpunkt, machen Sie eine Grenzverletzung. Seien Sie vielleicht gar etwas verrückt. AGG? Steht doch für «Alles geht gut»! Oder?

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