So kurz vor Ostern sind ja die Wetterprognosen für Viele von höchster Wichtigkeit. Ein guter Blogger ist natürlich auch in Sachen Meteo sattelfest – zumindest was die Arbeitsmarkt-Wetterlage betrifft. Ich habe da zum Glück so meine Quellen – doch davon später mehr. Das ASJMI-Radar zeigt ein stabiles Hoch über der ganzen Schweiz. Eine Wetteränderung ist nicht in Sicht. Grossartig! Das ist nicht selbstverständlich, denn es gab in den letzten Wochen durchaus Anzeichen für eine Wetterverschlechterung.

Öl-Multi verlässt die Schweiz“. „Puma verlässt Oensingen: 60 Stellen weg.“ Oder gar: „Yahoo hat genug von der Schweiz.“ Die Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate könnten durchaus Anlass zur Sorge um den Schweizer Arbeitsmarkt geben. Könnten? Ich behaupte jetzt einfach einmal, dass der Konjunktiv trotz dieser Negativschlagzeilen durchaus passend ist. Grund für meinen Optimismus bietet der brandaktuelle Adecco Swiss Job Market Index (ASMJI). Dieser belegt: Der Schweizer Arbeitsmarkt geht ab wie eine Rakete!

Die Universität Zürich forscht, Branchenleader Adecco gibt seine Praxisexpertise dazu – und ich blogge dann exklusiv über das Ganze. Was für eine zauberschöne Idee, der Bloggergott meint es gut mit mir. Eine schöne Geschichte schreibt im ersten Quartal auch der Schweizer Arbeitsmarkt. Diesem geht es prächtig und die Indizes gehen so richtig ab durch die Decke. Ich weiss, tönt etwas reisserisch, ist aber durchaus angebracht. Dabei gäbe es für die notorischen Zweifler, Mahner und Nörgler in diesen Tagen durchaus Anlass, das Arbeitsmarktglas halb leer zu sehen. In der Tat hat es die Schweizer Wirtschaftselite mit den drei grossen Dachverbänden derzeit nicht einfach:

  • Die „Abzockerinitiative“: Angenommen.
  • Die Masseneinwanderungsinitiative („Abschottungsinitiative“): Angenommen.
  • Und schon geistert mit der Mindestlohninitiative ein weiteres Abstimmungsschreckgespenst durch die Teppichetagen der Schweizer Wirtschaftselite. Prognose übrigens: Annahme der Vorlage.

Als nun der Öl-Multi Weatherford seinen Wegzug aus der Schweiz in Richtung Irland bekanntgab und dafür unter anderem das politische Umfeld und absehbare administrative Hürden ins Feld führte, ging ein Raunen durch den Blätterwald und die Mahner der Initiativen sahen sich bestätigt. Der Wirtschaftsstandort Schweiz ist in Gefahr. Papperlapapp. Der schnöde Mammon ist es doch viel eher. Anderswo gibt’s einfach noch mehr staatliche Erleichterungen und Förderprogramme. Die Karawane zieht weiter.

Als tschau zäme, Weatherford, Yahoo und Co. und viel Glück.

Gute Prognosen

Die Analysten erwarten in diesen Tagen gute Geschäftsabschlüsse für die ersten drei Monate des Jahres. Die Börse boomt. Und ein Ende der Schönwetterfront ist nicht in Sicht. So prognostiziert die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich bis ins nächste Jahr hinein ein stabiles Wachstum um zwei Prozent herum. Woher sollen wir bloss die Fachkräfte nehmen? Das Gerangel um Kontingente für ausländische Arbeitskräfte scheint ja schon eröffnet. Sogar Auktionen sind denkbar, zumindest in den Augen von Avenir Swiss, dem wirtschaftsliberalen Think Tank. Glücklich, wer Sorgen wie die Schweiz hat.

Gute Aussichten für die Zukunft und schon heute ein Arbeitsmarkt, der boomt. Das zeigt der Adecco Swiss Job Market Index für das erste Quartal 2014. Dieser misst wichtige Arbeitsmarktindikatoren, insbesondere die ausgeschriebenen Stellen in der Schweiz. In dieser Erhebung zeigt sich der Schweizer Arbeitsmarkt stärker denn je und völlig unbeeindruckt von den Störfeuern der Abstimmungsergebnisse.

Die wichtigsten Erkenntnisse, stark zusammengefasst und – zugegebenermassen – ziemlich zugespitzt:

1. Stellenschwemme

Das Stellenangebot hat in allen Regionen und in allen Berufsfeldern stark zugenommen. Im Vergleich zum letzten Quartal um 10 Prozent und sogar um 21 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum 2013. Die Aufwärtsbewegung aus dem letzten Jahr hat sich noch weiter beschleunigt.

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2. Ab durch die Mitte

Luzern = Uhren und Chinesen hoch zwei. War mal so (vielleicht), die Gleichung. Heute ist der Vierwaldstädtersee zum Magneten für Arbeitskräfte aus allen Berufsfeldern aufgestiegen, denn die Nachfrage nach neuem Personal hat speziell in der Zentralschweiz (+24%) extrem stark angezogen. Auch in der Nordwestschweiz (+18%) suchen viele Unternehmen händeringend nach Nachwuchs.

3. „Froilein, bitte zahlen“

Dieser Ruf ist mittlerweile in den Schweizer Gaststuben fast gänzlich verhallt. Ganz anders der Ruf nach Personal in der Gastronomie. Die Branche zittert der Abstimmung über den Mindestlohn entgegen, derweil schreiben die Betriebe gewaltig viele freie Stellen aus, eine Zunahme um satte 20%. Überhaupt legt der Dienstleistungsbereich stark zu, während der Anstieg bei den ausgeschriebenen Stellen für Verkäufer, Bites and Bytes-Akrobatinnen (IT) und in den sozialen Berufen moderater (aber immer noch markant) auffällt.

4. Weiterhin Goldgräberstimmung bei den Stellenportalen

Die freien Stellen werden online ausgeschrieben. Das überrascht nicht, die Zunahme um 30 Prozent auf Stellenportalen im Vergleich zur Vorjahresperiode ist aber enorm. Sollen doch alle von Social Recruiting und Active Sourcing sprechen – die Portalbetreiber reiben sich auf jeden Fall die Hände.

Die detaillierten Ergebnisse gibt es hier im Medienbereich von Adecco.

Hier kocht der Chef: Gespräch mit Michael Agoras, CEO von Adecco

B_MG_9814Ich erinnere mich an meine Jugendjahre in der beschaulichen Ostschweiz. Vor vielen Landgasthöfen stand jeweils ein Schild mit der Aufschrift: Hier kocht der Chef. Vermutlich war ich damals Zeitzeuge eines Vorläufers der heutigen Qualitätssiegel – wobei es nicht wenige Insider gab, die sich beim Anblick des erwähnten Schildes sagten: „Dann esse ich wohl besser nicht hier.“ Beim Adecco Job Market Index ist das natürlich anders. Chefkoch Michael Agoras ist definitiv kompetent und kennt den Markt seit vielen Jahren wie seine Westentasche. Zeit also für ein paar persönliche Kommentare zu seinem Arbeitsmarkt-Menu.

Michi, kochst Du eigentlich selber?

Michael Agoras: „Ja, ausgiebig und gerne. Meistens in Verbindung mit einem feinen Apéro.“

Interessant, nun aber zum eigentlichen Thema. Dem Schweizer Arbeitsmarkt, das zeigt euer Index, geht es blendend. Die Diskussionen um neue politische Rahmenbedingungen scheinen ihm nichts anhaben zu können. Worauf führst Du das zurück?

Michael Agoras: „Die Schweizer Wirtschaft ist ganz einfach zu stark aufgestellt, um sich so schnell aus der Bahn bringen zu lassen. Sie hat sicher auch aus der Vergangenheit gelernt und Krisen, oder vielleicht treffender gesagt, Konjunkturdellen für Bereinigungen genutzt. Ich denke da an die Finanzindustrie. Die Nachfrage nach Produkten „made in Switzerland“ ist anhaltend stark und die Binnennachfrage stabil. Die Schweizer Firmen gehören – und ich spreche dabei insbesondere auch vom Fundament unserer Wirtschaft, den KMU’s, noch immer zu den erfolgreichsten der Welt. Die aktuellen Quartalszahlen, Du hast sie erwähnt, belegen das. Die Medaille hat aber auch ihre Kehrseite. Der Mangel an geeigneten Mitarbeitenden spitzt sich zu. Unbesetzte Stellen drohen, mittelfristig den Wirtschaftsmotor ins Stocken zu bringen.“

… was Dir als Adecco-Boss aber sicher ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht zaubert, oder?

Michael Agoras: „Warum?“

… weil doch Firmen künftig noch stärker auf Eure Dienstleistungen zurückgreifen werden. Gute Aussichten für Deinen Bonus, Michael, darf sich der Porsche-Händler Deines Vertrauens auf einen baldigen Besuch freuen?

Michael Agoras: (lacht) „Ach so, darauf willst Du hinaus. Nein, weit gefehlt. Meine Motivation ist nicht der Bonus, sondern der nachhaltige Erfolg von Adecco Switzerland in Zusammenarbeit mit meinem Team.“

Ok, nun aber nochmals konkret. Die Nachfrage nach Euren Dienstleistungen wird ja durch die Entwicklung kaum abnehmen,oder?.

Michael Agoras: „Ich bin überzeugt, dass wir für die Zukunft gut aufgestellt sind. Dabei denke ich auch an den GAV für unsere Branche, wir waren ein Treiber bei dessen Entwicklung. Er ist ein starkes Zeichen dafür, dass wir als Personaldienstleister allgemein und Adecco als einer der zehn grössten Arbeitgeber der Schweiz ein wichtiger und professioneller Marktteilnehmer sind.“

In den Medien, aber auch in der Fachwelt werden im Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel gerne die immer gleichen Beispiele von hochqualifizierten Fachkräften mit einem Hochschulabschluss vorgeführt. Manchmal könnte man fast den Eindruck gewinnen, der Arbeitsmarkt bestünde nur aus Professoren, Ärztinnen, IT-Cracks oder Ingenieuren. Aus meiner Sicht ist dieses Bild völlig verzerrt, der überwiegende Teil des Arbeitsmarktes hat keinen Hochschulabschluss, sondern eine gute Berufsausbildung, oftmals ergänzt um gezielte Weiterbildungen. Auch bei diesen Berufsgruppen herrscht immer öfter ein Mangel an gutem Nachwuchs. Euer Index bestätigt mir das eindrücklich: Gastronomie, Verkauf und persönliche Dienstleistungen suchen auffallend viele Mitarbeitende. Läuft da etwas falsch in der Berufsorientierung?

Michael Agoras: „Das ist ein ganz wichtiger Punkt und ich stimme Dir zu – der Arbeitsmarkt ist vielschichtiger und facettenreicher, als er vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag. Und ja, auch wir stellen fest, dass die Palette an Mangelberufen ständig zunimmt. Gute, zuverlässige Chauffeure zu finden – schwierig, Du kannst ja selber ein Lied davon singen. Oder Automatikerinnen. Metzger. Pflegerinnen. Die Liste wird immer länger. Läuft etwas falsch? Ich denke, wir machen in der Schweiz schon Vieles richtig. „Schweizer Büezer sind weltklasse“, meint nicht nur der Blick. Unser duales System der Berufsbildung gilt als Erfolgsmodell und wird von vielen Ländern als Vorbild genommen. Aber ich beobachte mit gewissen Skepsis den Hang zur Akademisierung. Zum Beispiel in der Pflege, ohne einen Abschluss aus Stufe höhere Fachschule darf dort ja fast keine Spritze mehr gesetzt werden. Da bin ich mir nicht sicher, ob diese Entwicklung wirklich gesund ist. Sorgen machen mir auch die Eltern und andere „Beeinflusser“, die ihre Kinder in eine Büroausbildung drängen – obwohl vielleicht die Talente der einzelnen Jugendlichen ganz anderswo liegen. Noch immer gibt es viel Unwissen in Sachen Berufsvielfalt und auch viele Missverständnisse und Vorurteile. Dabei bieten gerade die handwerklich-technischen Berufe eine Vielfalt an fantastischen Entwicklungsmöglichkeiten.“

… und Du selber bist ja das beste Beispiel dafür, Michi. Als gelernter Maschinenmechaniker bist Du heute CEO von Adecco Switzerland und somit das real existierende Beispiel für die Power und die Entfaltungsmöglichkeiten des dualen Berufsbildungssystems in der Schweiz, welches mit Fleiss, berufsbegleitender Weiterbildung und vielleicht einer Portion Frechmut auf der Karriereleiter eigentlich alle denkbaren beruflichen Schritte möglich macht. Avanciert das gute alte duale Bildungssystem gar der Schlüssel zur Lösung des Fachkräftemangels?

Michael Agoras: „Sicher ist es nicht der einzige Schlüssel, das ist klar. Das Patentrezept auf diese Herausforderung gibt es nicht, klar. Ich halte aber in der Tat grosse Stücke von unserem Bildungssystem und erachte es als wirkungsvollen Lösungsansatz für die Herausforderungen der Zukunft. Ich glaube, es muss uns künftig noch besser gelingen, dass junge Menschen jenen Beruf erlernen, in dem sie Spass haben und so richtig aufgehen – und nicht jenen, den ihre Eltern oder die Berufsberatung für den Besten erachten. Wir müssen es jungen Menschen mit einem tieferen Bildungsrucksack oder einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit ermöglichen, am Arbeitsleben teilzunehmen. Und wir müssen vermehrt und berufliches Um- und Quereinsteigen ermöglichen. Die Laufbahnen sind heute weniger langfristig ausgelegt und weniger im Voraus durchgestylt als früher. Und warum soll jemand mit 50 nicht noch für die letzten 10 bis 20 Jahre seines Berufslebens etwas völlig anderes tun? In diesem Bereich warten gewaltige Anstrengungen auf uns – vor allem auch was das Umdenken in unseren (HR-) Köpfen angeht.“

Was unternehmt Ihr bei Adecco konkret in diese Richtung?

Michael Agoras: „Wir schauen darauf, dass die demographische Fitness bei Adecco Switzerland im Gleichgewicht ist. Das bedeute konkret, dass wir bei der Anstellung nicht das Alter, sondern das Verhalten, die Einstellung und die Leistung einer Person in den Vordergrund stellen.“

Abschliessend noch eine ganz andere Frage: Ihr messt eine starke Zunahme der online-Inserate auf den Karriere-Webseiten der Unternehmen und vor allem auf den Jobportalen. Dabei sprechen doch alle vom baldigen Niedergang dieses Kanals, man begeistert sich für Active Sourcing und Social Media Recruiting. Was ist los mit den Kanälen der Zukunft – ist etwa alles nur ein Hype?

Michael Agoras: „Eine interessante Frage. Ja, ich stelle tatsächlich fest, dass die medial stark beachteten Rekrutierungswege über Social Media noch kaum aus der Nische herausgefunden haben. Ich glaube auch nicht, dass die Bedeutung der klassischen Kanäle, ich meine damit die Karriere-Webseiten und die Stelleninserate, in den nächsten Jahren wirklich signifikant abnehmen wird. Trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass die Direktansprache passender Kandidatinnen und Kandidaten, auch mit Hilfe cleverer Social Media Lösungen wie zum Beispiel Silp, an Bedeutung zunehmen wird. Wir sind auf jeden Fall bei Adecco intensiv daran, uns diesbezüglich fit zu machen und uns für die Zukunft gut aufzustellen.“

Das tönt jetzt aber ganz gewaltig nach mehr, lieber Michi. Lass uns bei der Besprechung des neuesten Berichts mit den Zahlen für das zweite Quartal diesen Ball aufnehmen und vertiefen. D’accord?

Michael Agoras: „Mit Vergnügen – und danke für den kurzweiligen und spannenden Austausch.“

Der nächste Adecco Swiss Job Market Index erscheint im Juli 2014. Ich werde ich mit Michael Agoras an dieser Stelle wieder über die aktuelle Situation auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sprechen.

Nach so viel Text zum Abschluss noch ein bisschen Musik. Als guter Gastgeber natürlich eines der Lieblingsstücke von Michael Agoras. Esther von Kenny G. ist dabei alles andere als zufällig eines der Lieblingssongs von Michael Agoras – er spielt nämlich selber Saxophon.

https://www.youtube.com/watch?v=msYWjm5VqJg

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