Ich gebe es ja zu: ich mag ihn einfach sehr, meinen Zigarrenfreund Rudolf Elsener von Kelly Services (ich hätte übrigens auch passendes, sprich qualmiges Bildmaterial, aber das bleibt unter Verschluss). Ein feiner Kerl, wie man so schön sagt. In dieser Woche habe ich gleich drei Mal an ihn gedacht. Zum Einen, als… ach was, das ist privat. Und dann, als ich ihn auf der Referentenliste eines Workshops zum Thema „Arbeitsmarkt und Temporärarbeit“ entdeckte. Und schliesslich, als ich dann auch noch in der grössten Schweizer Boulevardzeitung über die Schlagzeile vom „Jobwunder Schweiz“ stolperte. Zeit für einen kleinen Austausch.
Befristete Anstellungsverhältnisse: Chancen und Risiken für mein Unternehmen

Edgar Spieler, der Abteilungsleiter Arbeitsmarkt (Bildmitte) und (links im Bild) Steven Peter, Leiter der Arbeitsvermittlungsämter (RAV) Region Süd vom Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) des Kantons Zürich hatten nach Rüschlikon geladen, um über befristete Anstellungsverträge, sprich Temporärarbeit, zu diskutieren. Dass es dabei zwischen den staatlichen und privaten Arbeitsvermittlern durchaus kollegial zu und her geht, beweist dieses Bild.

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Rudolf Elsener: „Temporärarbeit ist ein Sprungbrett“

Wie steht es denn nun um Temporärarbeit? Der Schweizer Branchenverband Swissstaffing spricht auf seiner Homepage prominent von einer bewussten Wahl der Menschen in befristeten Anstellungsverhältnissen. Die Aussage basiert darauf, dass 42 Prozent der Befragten sagten, sie würden oder hätten in der Vergangenheit freiwillig temporär gearbeitet. Die überwiegende Mehrheit der Befragten, 58 Prozent, wenn ich richtig rechne, sagten, sie seien unfreiwillig temporär beschäftigt. Eine doch ziemlich eigenwillige Herleitung und Interpretation dieser Zahlen, würde ich das mal nennen. Ich verzichte aus naheliegenden Gründen auf eine Nachfrage beim Verbandssekretariat und frage lieber bei Rudolf Elsener nach – der spricht netterweise nämlich mit mir.

Ruedi (Rudolf) Elsener, Du bist Deutschschweiz-Chef von Kelly Services und hast an der eingangs erwähnten Veranstaltung davon berichtet, dass Temporärarbeit für viele Junge ein Sprungbrett in das Berufsleben sei. Das tönt mir ein bisschen werberisch, ist der Einstieg über einen Personalvermittler nicht eher eine Notlösung?

IMG_1421Rudolf Elsener: „Natürlich gibt es diese Notlösungen, doch wir stellen vermehrt fest dass vor allem Junge diese Form der Anstellung bevorzugen, auch sie wollen flexibel bleiben und sind somit auch offen für den noch vor ihnen stehenden Traumjob, wenn’s momentan gerade nicht klappt. Die so viel zitierte Generation Y fokussiert viel mehr auf die inhaltlichen Aspekte ihrer Aufgabe, die Karriereleiter steht weit im Hintergrund. Denn mit dem richtigen Erfahrungsschatz (projektbezogene Arbeit über beispielsweise 6, 9 oder 12 Monate) geht die Karriereleiter beim nächsten Wechsel sowieso nach oben. Davon abgesehen stört mich, dass der Begriff „Temporärarbeit“ zum Teil immer noch mit einem negativen Image behaftet ist. Das ist doch antiquiert. Vor allem die internationalen unserer Auftraggeber sprechen schon lange von projektbezogener Arbeit. Ein Beispiel; Ein Pharmakonzern ist kurz vor der Lancierung eines Medikamentes, sie bestellen bei uns dann für dieses Projekt verschiedenste Fachkräfte. Die Krux an dieser Sache und auch bezeichnend für unsere heutige Zeit ist die Geschwindigkeit, denn die 20 neuen Kolleginnen und Kollegen sollten nicht erst in vier oder fünf Monaten starten. Dieser Challenge fordert unsere Consultants, Recruiter und Researcher in hohem Mass. Hier gilt das Zitat: Nicht die Grossen fressen die Kleinen sondern die Schnellen die Langsamen und da ist Kelly Spitzenklasse, wir sind der Kleinste der vier Grossen in der Schweiz (schmunzelt).“

Gemäss den von Dir am Vortrag zitierten Erkenntnissen des Branchenverbands Swissstaffing finden überdurchschnittlich viele Arbeitslose über einen Personalvermittler zurück in das Berufsleben. Seid ihr etwa die wahren Arbeitsämter (RAV)?

Rudolf Elsener: „Nein das sind wir nicht, eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den lokalen RAV’s ist jedoch wichtig für beide Seiten. Eine etwas provokative Aussage im aktuellen Arbeitsmarkt lautet, es gibt heute keinen Grund, länger als 3 Monate bei einem RAV eingeschrieben zu sein. Zudem machen wir auch durchaus positive Erfahrungen mit kurzfristigen Arbeitslosen, diese sind oft loyaler und beständiger (aufgrund dieser schwierigen Erfahrung) als andere, zudem ist der Energiehaushalt (volle Batterien) auf einem oft besseren Niveau. Diese Kandidaten brauchen nur die richtigen Argumente herauszustreichen und sind so viel wettbewerbsfähiger.“

… was macht Ihr denn besser oder anders?

Rudolf Elsener: „Unser Vorteil ist, dass wir auswählen können, das RAV hat die Pflicht, alle Stellensuchenden nehmen zu müssen. Die gesetzlich vorgeschriebene Kontrollpflicht ist anspruchsvoll für die RAV Personalberater, eine schnelle Wiederintegration in den Arbeitsmarkt steht über den persönlichen Wünschen des Stellensuchenden, hier ist Weitsicht und Fingerspitzengefühl gefordert. Die Aufgabe eines RAV-Personalberaters wird massiv unterschätzt, ich höre dies auch von ehemaligen Consultants, die von uns zum RAV gewechselt haben.

Die Arbeitsplatzsicherheit gehört zu den „Grundbedürfnissen“ vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Ja selbst bei der Generation Y gehört sie ganz oben auf den Wunschzettel. Stefanie Zimmermann vom Staufenbiel Institut kommentiert in einem Interview auf dem Saatkorn-Blog eine Studie: „Arbeitsplatzsicherheit ist ein sehr großes Thema für Studenten: Mehr als 80 Prozent der Befragten finden sie sehr wichtig.“ Wenn also die Arbeitsplatzsicherheit zu den wichtigsten Merkmalen guter Arbeitgeber gehört, sind dann Mitarbeitende, die auf Eurer Lohnliste stehen, permanent auf dem Absprung?

Rudolf Elsener: „Natürlich gibt es diese, ja. Aber unsere Consultants pflegen einen offenen und transparenten Austausch mit ihren Kandidaten. Der weitaus grössere Teil ist durch ein abgeschlossenes Projekt bereit für den nächsten Schritt, wir haben viele bei uns permanent eingeschriebene Kandidatinnen und Kandidaten, welche sich in einem hohen Tempo weiterentwickeln. Gestern hat mir ein Branch Manager von uns erzählt, dass ein ehemaliger Aussendienstmitarbeiter, den wir betreut und vermittelt haben, in Kürze bei einem Mitbewerber die Verkaufsleitung übernehmen wird. Das ist doch grossartig, da darf unser Consultant doch stolz sein.“

Diese Woche berichtete der Blick von einem wahren Jobwunder in der Schweiz: Über 40‘000 Menschen mehr als in der Vergleichsperiode gingen im ersten Quartal 2014 einer Arbeit nach. „Die Schweizer Wirtschaft fährt mit vollem Antrieb“ so der Blick. Wie spürt ihr das?

Rudolf Elsener: „Mit einem hohen Bestellungseingang auf breiter Front! Gerade in einer solchen Situation ist es wichtig, transparent und ehrlich mit den Kunden zu sein. Abhängig von Branche und Spezialisierung können wir nicht einfach eine gefüllte Spezialisten-Pipeline abrufen. Wir haben nun bei Kelly ein europaweit einheitliches Kandidatensystem, dies hilft uns, den Kunden schneller und effizienter eine Auswahl geeigneter Kandidatinnen und Kandidaten vorzuschlagen. So kann zum Beispiel ein Bauingenieur, der sich heute bei Kelly in Hamburg auf eine Vakanz bewirbt, schon morgen von unserer Filiale in Winterthur kontaktiert werden.

Gutes Stichwort, Ruedi. Noch einmal der Blick: „Es wurden viele Arbeitsplätze geschaffen, doch fehlt es ihr langsam an ausländischem Treibstoff.“ Spürt ihr bereits die Vorboten der Masseneinwanderungsinitiative?

Rudolf Elsener: „Im Kaderbereich spüren wir eine gewisse Zurückhaltung doch im MiddleManagement und auf der unteren Kaderstufe ist da wenig zu spüren, der Markt wird einfach immer schneller und entsprechend sind die Zyklen kürzer. Entscheidend ist der Ausbildungs- und Erfahrungsrucksack, die Nationalität ist sekundär – noch.“

Wie werden die Weiterbildungsmöglichkeiten, wie sie der GAV vorsieht, denn von den für Kelly Services im Einsatz stehenden Mitarbeitenden genutzt?

Rudolf Elsener: „Das ist wirklich eine wunderbare Errungenschaft der sozialpartnerschaftlichen Diskussionen. Und ein grosser Mehrwert für die temporär Arbeitenden, denn bereits nach 22 Arbeitstagen können Mitarbeitende von grosszügigen Weiterbildungsmöglichkeiten profitieren. Doch es geht nicht nur um Geld: Unsere Consultants beraten die Kandidaten marktgerecht und können Trends zielgerichtet in eine Zusatzausbildung einfliessen lassen, auch hier ist ein ehrlicher und transparenter Austausch mit dem Kandidaten wichtig. Bisher hat der Branchenverband Swissstaffing bereits 6000 Weiterbildungsgesuche im Wert von über 10 Mio CHF gesprochen, eine tolle Sache. Ich bin überzeugt, wir sind da auf dem richtigen Weg. Aus- und Weiterbildung ist enorm wichtig – wir haben schliesslich nur „one life“.“

Vielen Dank für das Gespräch. Und jetzt gibt’s ein bisschen Musik. Was anderes könnte ich jetzt bringen als… nein, nicht die Kelly Family, aber KELLY Rowland, Ruedi hat mich darauf gebracht: One Life.

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