Sicherheit über alles? Eine Studie untersuchte die Bedürfnisse junger Menschen bei der Lehrstellensuche. Die Ergebnisse zeigen, dass Lehrlinge im öffentlichen Sektor Freizeit und Sicherheit besonders stark gewichten. Spass an der Arbeit ist dagegen weniger wichtig. Werden damit gängige Stereotypen über die Angestellten in der Verwaltung bestätigt?

Die Solinger u-form Testsysteme haben gemeinsam mit dem Behörden-Spiegel 1477 Auszubildende und Ausbildungsverantwortliche befragt. Die Studie wurde wissenschaftlich von Prof. Dr. Christoph Beck begleitet. Dabei wurde vor allem auch untersucht, inwiefern sich die Bedürfnisse junger Menschen mit Berufswahl öffentliche Hand von jenen ihrer Altersgenossen unterscheiden, die ihre Ausbildung in privaten Unternehmen machen. Die Ergebnisse haben mich in ihrer Deutlichkeit doch einigermassen überrascht.

Ich habe mich mit der Auftraggeberin der Studie unterhalten. Felicia Ullrich ist Geschäftsführerin der u-form Testsysteme in Solingen und Initiatorin der Studie.

 

Frau Ullrich, die Studienergebnisse sind ja recht deutlich. Mit einem Schuss Bösartigkeit könnte man unterstellen, dass der Public Sector Menschen anzieht, denen Sicherheit über alles geht. Hauptsache sicher, der Rest ist egal. Übertreibe ich?

Felicia Ullrich: „Wenn man das «anzieht» durch ein «hauptsächlich» ergänzt, kann ich dem zustimmen. Wobei alles andere ja dann nicht «egal», aber niedriger priorisiert ist. In gewisser Weise bestätigen die Ergebnisse also die Vorurteile, die man als Außenstehender gegenüber öffentlichen Arbeitgebern hat. Wir haben auch andere Branchen in den vergangenen Jahren näher untersucht. Abweichungen in dem Punkt «Sicherheit» kamen dort nicht vor: in der Gastronomie oder im Maschinenbau schwankten nur die prozentualen Werte der Prioritäten, nicht aber die Reihenfolge und damit die Wichtigkeit der Antworten. Da haben uns die Ergebnisse des Public-Sektors wirklich überrascht.

 

Jetzt kommt das große «Aber». Im «Public Sector» müssen wir aber glaube ich zwischen dem klassischen «Öffentlichen Dienst» und solchen Unternehmen unterscheiden, die zwar in großer historischer oder struktureller Nähe zum «Öffentlichen Dienst» angesiedelt, aber eigentlich privatwirtschaftlich organisiert sind. Stadtwerke sind dafür ein gutes Beispiel: Sie sind häufig privatwirtschaftlich verfasst, aber in kommunaler Trägerschaft – und tragen als Altlast häufig ihre kommunale Herkunft mit sich, auch was ihr Arbeitgeberimage angeht. Stadtwerke brauchen aber zunehmend eine agile Mannschaft, weil sie sich bei den Themen Energie und Mobilität zum Beispiel neu erfinden müssen. Da passt der klassische, am Öffentlichen Dienst orientierte Bewerbertypus nicht so ganz hinein.

Auch für den Öffentlichen Dienst kann die Tatsache, dass dieser vorrangig den sicherheitsorientierten Typus anzieht, zum Problem werden. Ich betone «kann». In einigen Behörden kommen einfach sehr viele Standardoperationen vor, mittlerweile in einem digitalisierten Standard, aber es bleiben Routineaufgaben. Wer künftig vorwiegend Personalausweise ausstellen wird, muss nicht unbedingt ein ausgeprägt dynamischer Typ sein, der in einer VUCA-Umgebung sein natürliches Habitat sieht.  Ziel muss es ja immer sein, passende Mitarbeiter zu bekommen, nicht die «Besten». Wenn sich die «Besten» nach 10 Wochen Arbeitsroutine zu Tode langweilen, sind es außerdem für genau diese Stelle eben nicht die «Besten». Vielleicht hat es in jüngster Vergangenheit schon zu viele Digitalisierungs- und Agilitätskonferenzen gegeben, sodass dieser wichtige Zusammenhang aus dem Blick geraten ist. Steht der «Öffentliche Dienst» allerdings vor großen Veränderungen, kann seine Anziehungskraft auf Sicherheitsorientierte zum Problem werden.

 Was ich ziemlich traurig finde, ist, dass junge Menschen offenbar bereit sind, zugunsten von Jobsicherheit 30 oder 40 Jahre in einem Beruf zu verbringen, der ihnen vielleicht gar nicht wirklich Spaß macht.“

 


 

Jobsicherheit um jeden Preis?! Wenn ich die tiefen Umfragewerte in den Clustern «Spaß an der Arbeit» und «einen Beruf finden, der zu meinen Interessen und Fähigkeiten passt» mit den hohen Werten bei «gute Möglichkeiten der Übernahme» und «gute Zukunftschancen bieten» in Verbindung setze, muss ich ja fast zu diesem Schluss kommen. Oder?

Felicia Ullrich: „Auch hier kann ich Ihnen auf der Ebene der Fakten nicht widersprechen. Und das, wo wir auf Grund der Gesamtstudie durchaus den Eindruck gewonnen haben, dass die jungen Menschen verstanden haben, wie wichtig es ist, etwas zu machen, was ihnen Spaß macht und was zu ihnen passt. Auch bei den für die branchenübergreifende Studie befragten Eltern (wir haben 150 Eltern in Präsenzinterviews auf der Einstieg Köln befragt) stand die Passung des Berufs und der Spaß bei der Berufswahl ihrer Kinder ganz klar im Vordergrund. Und das, obwohl wir wissen, dass für Eltern Sicherheit immer ein wesentliches Argument ist.

Dass diese Generation, die mit Krisen wie der Finanzkrise, der Griechenlandkrise und jetzt dem Brexit groß geworden ist, einen ausgeprägten Wunsch nach Sicherheit hat, ist durchaus nachvollziehbar. Aber dass die Sicherheit mehr zählt, als die Freude am Beruf, ist schon erstaunlich. Allerdings müssen wir uns schon die Frage gefallen lassen, ob Menschen, die vor allem im Job Erfüllung suchen, per se ein «glücklicheres Leben» führen als die, für die der Beruf ein Element unter vielen im Lebensentwurf darstellt.
Aber spannend ist ja die Frage, wie Arbeitgeber aus dem Public Sector jetzt damit umgehen. Wenn ich mir Stellenanzeigen öffentlicher Arbeitgeber anschaue, dann finde ich da wenig andere Argumente, warum ein öffentlicher Arbeitgeber ein attraktiver Arbeitgeber ist. Wenn Sicherheit mein schlagendes Werbeargument ist, brauche ich mich natürlich auch nicht wundern, wenn ich Azubis bekomme, für die das die wesentliche Motivation ist. «Sinn» ist bestimmt eine Kategorie, die der Public Sector in der Bewerberkommunikation erst noch für sich entdecken muss – wie viele privatwirtschaftliche Unternehmen übrigens auch. Die Arbeit einer «Stadt» oder auch der «Stadtwerke» berührt ja so ziemlich jeden, hat mit der Befriedigung elementarer Bedürfnisse zu tun. Wer dort arbeitet, tut somit etwas «Gutes», das dürfte viele reizen. Darzustellen, wie sich die Verantwortung für große Themen überträgt, wie sich Ausbildungsbetriebe der «Arbeit an der Zukunft» widmen und das Sicherheitsargument deutlich zu reduzieren, dürfte in der Kommunikation der richtige Weg sein.“ 

Auch die Karriereorientierung ist deutlich unter dem üblichen Schnitt: «Immer mehr lernen» ist für junge Menschen im Public Sector massiv weniger wichtig als bei Gleichaltrigen in der Branche. Auch das scheint auf den ersten Blick darauf hinzudeuten, dass sich junge Menschen schon früh im sicheren Netz der öffentlichen Hand «zur Ruhe setzen» wollen. Wie sehen Sie das?

Felicia Ullrich: „Nun, wenn man wie ich einen 17-jährigen Pubertisten zu Hause hat, verwundert einen der Wunsch nach “immer mehr lernen“ im ersten Moment schon. Aber wir wissen aus anderen Studien, dass die junge Zielgruppe weiß, dass Bildung der Schlüssel für beruflichen Erfolg ist. Das wiederum erklärt dann das höhere Ranking in der Gesamtstudie. Vielleicht muss man das etwas differenzierter sehen. Wenn man Führerscheine herausgibt oder Personalausweise beantragt, ist das „immer mehr lernen wollen“ vielleicht auch gar nicht förderlich, um Zufriedenheit im Job zu erlangen (siehe oben).

 

 

Vielleicht ist es weniger ein „sich zur Ruhe setzen“ (wobei dies auch mein erster Gedanke war), als ein Akzeptieren der Gegebenheiten und Zufriedensein mit dem, was der Beruf einem bietet.  

Aber wenn ich als Organisation des öffentlichen Dienstes oder als privatwirtschaftlich verfasstes Unternehmen aus dem Public Sector Menschen suche, die bereit sind, Veränderungen aktiv mitzugestalten und sich auch dem Thema Digitalisierung zu stellen, ist ein geringer Wunsch Neues lernen zu wollen bei den Mitarbeitern von morgen wenig hilfreich.“

Dankeschön für das Gespräch, liebe Frau Ullrich, und auf Wiederlesen.