«Wer kündigt, erhält 2000 Franken Bonus.» Für diese Schlagzeile im Zürcher Tages-Anzeiger sorgt nicht etwa ein Unternehmen in Schwierigkeiten und entsprechenden Personalabbauplänen. Im Gegenteil. Der Getränkefachkette «Drinks of the World» geht es prächtig. Also einfach eine – im wahrsten Sinne – Bieridee? Mitnichten. Vielmehr ein kleines Lehrstück in Sachen Kreativität und Führung mit Herz und gesundem Menschenverstand.

Führungskennzahlen-Cockpit. 360-Grad Feedback. Mehrstufige Assessment Center. IKS (Internes Kontroll-System). Digitale Mitarbeiterempfehlungsprogramme. Führen mit Pferden. BSC.  Herrgott, die Welt ist ganz schön kompliziert geworden. Viele Unternehmen erliegen der Versuchung, die zunehmende Regelungsdichte, die Datenflut oder ganz einfach ihre Unsicherheiten mit einem immer perfideren Netz an Regeln, Verboten und standardisierten Prozessen zu bändigen. Wo früher Pragmatismus, Vertrauen und gesunder Menschenverstand vorherrschten, werden heute hochkomplexe Systeme hochgezüchtet, um der Komplexität Herr zu werden. Oft wird gerade dadurch alles komplizierter und undurchschaubarer.

Dabei gibt es noch Firmen, die auch ohne Prozessdokumentationen und Visio-Zeichnungen in Terrabytestärke erfolgreich sind. Zum Beispiel mit ihrem gesunden Menschenverstand, Mut und Kreativität. Eines dieser sympathischen Unternehmen ist «Drinks of the World». Es löscht in (fast) der ganzen Schweiz durstige Kehlen.

Differenzierung über Beratung

Firmenchef und Gründer Stefan Müller ist ein Mann mit Prinzipien. Eine Art Patron, aber keiner der alten Schule. Er ist sympathisch, unkompliziert, nahbar. Mit seinem Unternehmen «Drinks of the World» behauptet er sich seit Jahren erfolgreich gegen die Billigkonkurrenz. Seine Vision: Die Bierkultur in der Schweiz nachhaltig beeinflussen und verändern. «Drinks of the World» sind unabhängige Getränkefachgeschäfte mit dem grössten Biersortiment der Schweiz und einer riesigen Auswahl an weiteren Getränken. Vertreten ist das Unternehmen an den wichtigsten Bahnhöfen der Schweiz – in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Grossverteilern, die das Bier für wenig mehr als einen Franken verkaufen. Das scheint dem KMU nichts anhaben zu können, im Gegenteil. Auch in diesem Jahr sind Neueröffnungen geplant. Wie geht das? «Über die Beratung», sagt Stefan Müller klar. «Wir differenzieren uns über das grosse Sortiment mit immer wieder neuen trendigen Produkten. Und dazu braucht es gute Beratung und Fachwissen. Darum sind gut ausgebildete Mitarbeiter der Schlüssel unseres Erfolgs.»

Original Farbe

Das Erfolgsgeheimnis von «Drinks of the World» sind also gut ausgebildete Mitarbeitende, die (branchenuntypisch) lange im Unternehmen sind. Sie sind Garant für die Beratungsqualität, die Müller vorschwebt. Er investiert denn auch einiges, in Bier-Sommelier Kurse, generell in Weiterbildung, in Produkteschulung und Verkostungen. «Dieses Investment verstehe ich als ein Langfristiges. Darum möchte ich bei neuen Mitarbeitenden möglichst sicher sein, dass auch sie sich auf eine längere Zusammenarbeit einlassen wollen.» Deshalb erhält jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin nach dem erfolgreichen Abschluss der Probezeit eine aussergewöhnliche Offerte: Einen unbefristeten Arbeitsvertrag oder 2000 Franken für jene Mitarbeitende, die Geld einer langfristigen Perspektive bei «Drinks of the World» vorziehen. «Wötsch würklich bliibe» (willst Du wirklich bleiben?) fragt der Filialleiter dann beim Probezeitgespräch.

Alles andere als eine Bieridee: Der Loyalitäts-(S)Check

Der aussergewöhnliche «Loyalitäts-(S)Check» ist aber nur Teil einer speziellen Firmenkultur bzw. Führungsphilosophie. So hat Stefan Müller, trotz fast 100 Mitarbeitenden, keine/n HR-Verantwortliche/n. Die Personalauswahl ist für ihn nicht nur auf dem Papier zentral und somit Chefsache. Heisst konkret, dass Müller alle Vorstellungsgespräche selber führt. Auch diejenigen der vielen Aushilfen. Dabei verlässt er sich auch auf sein Bauchgefühl. Stimmt dieses, kommt es zu einem Probetag in den Filialen – gegen Bezahlung. Dort entscheidet sich dann, ob es zu einer Anstellung kommt. Der Entscheid liegt dann beim Team in der Filiale. Es entscheidet, ob sie sich die Zusammenarbeit vorstellen können oder nicht.

Vor dem ersten Arbeitstag lädt Müller dann die neuen Mitarbeitenden noch einmal zu sich ein. Zusammen mit dem Anstellungsvertrag gibt es drei Bücher als Geschenk. Natürlich allesamt mit Bezug zum Thema Getränke. Bei diesem zweiten Treffen geht Müller mit den neuen Verkaufsberater/-innen die 10 Werte Punkt für Punkt durch, erklärt, was ihm wichtig ist und warum. «Unsere Mitarbeiter verstehen Pünktlichkeit als eine wichtige Voraussetzung für ein ausgewogenes, leistungsfähiges Team,» heisst etwa der siebte Unternehmenswert. Also auch hier: Handfeste, verständliche Regeln anstelle des üblichen Werte-Einerleis.

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Verläuft die Probezeit erfolgreich, kommt es im Einvernehmen mit Müller in der Filiale zum erwähnten, verblüffenden «Loyalitäts-(S)Check». Was hat Ihnen dieser bis dato gekostet, Herr Müller? «Gar nichts, noch keiner hat das Geld genommen, » schmunzelt dieser.

«Das muss irgendwie einfach möglich sein»

Nicht nur im Anstellungsprozess, sondern auch danach setzt Müller auf unkonventionelle Methoden und bleibt für seine Mitarbeitenden auch nach der Festanstellung da. Zum Beispiel, wenn es darum geht, Weiterbildungen zu unterstützen. «Das muss irgendwie einfach möglich sein. Ich finde es wichtig, dass Mitarbeitende sich weiterentwickeln. Organisatorische Probleme muss man ganz einfach lösen können, das erwarte ich auch von meinen Filialleitern.» Deren Leistung übrigens wird auch daran gemessen, wie zufrieden ihre Mitarbeitenden sind. Eine jährliche Personalbefragung gibt entsprechende Hinweise. Und regelmässig lädt Müller seine Verkaufsberater/-innen auch zu einem Apéro ein – ohne die Vorgesetzten. Mit diesen steht Firmenchef Müller sowieso in regelmässigem Austausch.

Die Kultur der offenen Türe, anderswo viel beschworene Kultur-Worthülse, wird von Müller vorgelebt. Nicht nur bei der Anstellung oder den regelmässigen Events, sondern auch, wenn es zwischendurch brennt. «Bei mir hat jeder eine zweite Chance verdient. Und manche auch eine Dritte,» so Müller. Dann hilft er schon mal unkonventionell über einen finanziellen Engpass hinaus oder hat einfach ein offenes Ohr, letzteres übrigens auch digital. «Frag Stefan» heisst der Button im Intranet. Im öffentlichen Chat können dort Fragen gestellt, Hinweise gegeben oder sonstige Informationen mit dem Firmenchef ausgetauscht werden.

Müller steht als Besitzer einer KMU natürlich in einem harten Wettbewerb. Er schafft den Spagat  zwischen Nestwärme und dem Abverlangen von Leistung und Umsatz mit cleveren Lösungsansätzen, Kommunikation und dadurch, dass er nah beim wichtigsten Erfolgsfaktor seines Geschäfts ist – seinen Mitarbeitenden. «Mir ist wichtig, dass wir uns ins Auge schauen können. Ein Wort gilt bei uns etwas,» erläutert Müller seine Philosophie. Dafür betreibt er einen grossen Aufwand. Er lohnt sich.

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