Nette Arbeitskollegen, freundliche Chefinnen. Ein kollegiales Umfeld, das ein angstfreies Arbeiten ermöglicht. Ein gemeinhin als „gute Kultur“ bezeichnetes Arbeitsumfeld ist einer der stärksten Trümpfe im Kampf um Talente. Humor und Lachen befeuern diesen Vorteil. Ein kleines Plädoyer für mehr Humor in der Arbeit.

Er war ein grossartiger Mensch, der vielleicht erste Weltstar des Showbusiness. Und einer, der sich schon in den 1930-er Jahren kritisch damit auseinandersetzte, was wir heute Digitalisierung nennen. Charlie Chaplin. Der Ausschnitt aus seinem Film „Modern Times“ zeigt, by the way, dass das Thema „Automatisation“ nicht so neu ist, wie es der aktuelle Hype vermuten liesse.

Charlie Chaplin war einer, der genau hinschaute und den Entwicklungen seiner Zeit mit einer mächtigen Waffe entgegentrat: Jener des Humors. Nicht nur Modern Times, sondern auch Der Diktator sind unvergessen.

Lachen ist ein ernsthaftes Thema

Lachen. Dieser wunderbare Würzstoff unseres Lebens wird noch immer gerne etwas unterschätzt. Vor allem, wenn es um die Arbeitsbedingungen und somit die Arbeitgeberattraktivität geht. Kürzlich traf ich in Zürich Laura Chaplin, die Enkelin von Charlie.

Bei der Recherche für ihr empfehlenswertes Buch «Lachen ist der erste Schritt zum Glück» traf sich Laura Chaplin unter anderem auch mit dem Speaker und Arzt Roman Szeliga. Dieser hat sich dem Humor und seiner Wirkung in der Geschäftswelt verschrieben. Im Gespräch mit Chaplin meinte er: «Mittlerweile haben viele Unternehmen erkannt, wie negativ sich ein schlechtes und humorloses Arbeitsklima auf die Motivation der Mitarbeiter und ihre Arbeitsleistung auswirkt. Es macht sie seelisch und körperlich krank, oft bis zum Burnout. Es lohnt sich also für Unternehmen, in die Gesundheitsvorsorge ihrer Mitarbeiter zu investieren und Humor in den Arbeitsalltag zu bringen. Gemeinsames Lachen und Humor am Arbeitsplatz hat unglaublich viele Vorteile: Sie verstärken die Kreativität, die Energie und die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und erhöhen ihre Selbstsicherheit und emotionale Intelligenz. Sie tragen dazu bei, Konflikte zu lösen, erzeugen ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb des Teams, aber auch den Kunden. Lachen und Humor reduzieren den Stress am Arbeitsplatz und schaffen nachhaltig eine gute Atmosphäre.»

Was für ein Plädoyer!

Roman Szeliga spricht von einer nachhaltig guten Atmosphäre: Genau das ist es, was Menschen im Job wichtig ist. Gemäss der Jobzufriedenheitsumfrage von Manpower ist es der drittwichtigste Grund, weshalb Arbeitnehmende ihren Job wechseln.

Andere Fakten bestätigen das. Eine gross angelegte Studie zur Arbeitsqualität in Deutschland im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums für Arbeit und Soziales ergab 2015, dass nicht das Geld, sondern ein guter Chef und nette Kollegen ausschlaggebend für einen Jobwechsel sind. „Bessere Vorgesetzte“ und „faire Behandlung durch Kollegen“ nennen dabei rund drei Viertel der Jobwechsler als Hauptgrund für eine berufliche Veränderung. Das schreibt die Welt.

Lachen ist ein harter Faktor, kein weicher 

Die Miesepeter dieser Welt mögen jetzt einwenden: Es geht um Arbeit. Um Zahlen, Erfolg, das Erreichen der Ziele. Und nicht um Spass. Den können wir in der Freizeit ausleben. Wer so denkt (und ich befürchte, nicht wenige denken so), hat nicht verstanden, wie betriebswirtschaftlich «hart» dieser vermeintlich «weiche» Faktor ist.

Dieser Meinung ist auch Bestsellerautorin Anne M. Schüller. Im Gespräch mit mir betonte sie schon vor Jahren den Vorteil lachender Unternehmen: „Im Kreis erfolgreicher Startup-Betriebe und bei den Internetanbietern finden sich die meisten lachenden Unternehmen. Denn Kreativität ist die Schlüsselressource der Zukunft. Sie kann aber nur in heiteren Hirnen entstehen. Schon allein das Maß an Lachen in der Kaffeeküche, auf den Gängen, in Meetings und bei Anwesenheit des Chefs ist ein gutes Maß für ein lachendes Unternehmen. Weitere gute Zeichen sind durchgängig gezeigte Wertschätzung, Offenheit für die Ideen anderer, Verbundenheit und Vernetzung über alle Abteilungsgrenzen hinweg.“

Eine gute Atmosphäre macht Unternehmen und ihre Jobs für künftige Talente attraktiv – und hält sie in der Folge lange gesund und leistungsfähig im Unternehmen. Humor ist kein Witz!

Ich glaube, dass diesem Aspekt noch nicht genug Rechnung getragen wird. Mit Blick auf den Alltag behaupte einfach mal ins Blaue hinaus:

  • Die Frage nach Humor, Lachen und Spass fehlt bei den jährlichen Mitarbeitergesprächen – jede Wette! Ebenso ein entsprechender Hinweis in den umfangreichen Gesprächsleitfäden.
  • In den «klugen» Leitbildern und den Hochglanzbroschüren zur Personalpolitik der Unternehmen fehlt Humor – sowohl beim Inhalt als auch bei der Darstellung und der kommunikativen Umsetzung.
  • Humor und Lachen glänzt in den Massnahmenplänen der Fachstellen für Betriebliches Gesundheitsmanagement durch Abwesenheit – dort werden stattdessen noch immer die kostenlosen Früchte, innerbetriebliche Gesundheitstage und «Treppen statt Lift – Aktionen» orchestriert.
  • Die Frage nach dem Humor als wichtige (Selbst-) Kompetenz fehlt in den Development Centern und somit als Kriterium für die Aufnahme in die Nachfolgeplanungen in den Unternehmen.
  • In 9 von 10 Geschäftsberichten schaut die Geschäftsleitung in dunklen Anzügen und dezenten Deux-Pièces betont staatsmännisch-ernst. Ein Lächeln könnte ja unprofessionell sein.
  • Die grosszügigen Weiterbildungsprogramme in den Konzernen führen hunderte von Kurse – von A wie Agiles Projektmanagement bis Z wie Ziele vereinbaren. Aber keinen einzigen Kurs zum Thema Humor und Lachen.
  • Lachen ist fast gänzlich abstinent bei den Jobinterviews und mancherorts vielleicht sogar verpönt – so ein Jobinterview ist schliesslich etwas Seriöses, da geht es um einiges. Die Frage: «Was treibt Ihnen Tränen vor Lachen in die Augen» wird nirgends gestellt. Und Führungskräfte sind vor der Frage: «Wie sorgen Sie in Ihrer jetzigen Führungsposition dafür, dass Mitarbeitende gerne und oft lachen» wohl landesweit sicher.

Offenbar werden keine Menschen gesucht oder intern gefördert, die Humor mitbringen. Trotz der überzeugenden Fakten. Eigentlich ein Skandal.

Traurig: Es werden keine Menschen mit Humor gesucht

Diese traurige Tatsache zeigt sich bereits beim Werben um den Nachwuchs. Die Firma Jobchannel betreibt in der Schweiz über 50 Spezialisten-Jobplattformen und erfasst mit ihrer raffinierten Crawlertechnologie nahezu alle Jobs der Schweiz, wo auch immer diese publiziert werden.

Jobchannel hat für mich in über 50’000 Schweizer Stelleninseraten nach ein paar typischen Begriffen gesucht. Statische, konformistische und reglementierende Wörter sind dabei die Quotenknüller.

  • Das Wort genau wurde in 6853 Stelleninseraten erwähnt, meist als wichtige Kompetenz im Sinne von «genaues Arbeiten».
  • In 2810 Stelleninseraten wurde die Wichtigkeit von Prozessen / Abläufen speziell erwähnt.
  • Und in nicht weniger als 1962 Werbeinseraten für Stellen wurde Einhalten/Einhaltung als speziell wichtig herausgestrichen.

Das Wort Lachen kam 12-mal vor…

In ganzen 12 Werbeinseraten für Stellen wurde darauf hingewiesen, dass man in diesem Job etwas zu lachen hat oder diese Kompetenz mitbringen soll. 12 Inserate von 50’109 Inseraten. Macht 0.024 Prozent. Zum Lachen! Oder eher zum Weinen?

Schade. Denn Lachen ist gesund. Ein intensives Lächeln fördert die Durchblutung des Gehirns und mildert Stresssymptome. Biochemische Abläufe während des Lachens stoppen im Körper die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin. Stattdessen werden körpereigene Morphine, die sogenannten Glückshormone, produziert. Lachen stimuliert und stärkt das Immunsystem.

„Für mich steht das H in HR für Humor

Einer, der sich bemüht, so ein Klima zu schaffen, ist Matthias Gehring. «Für mich steht das H in HR für Humor» sagte er mir lachend, als wir uns bei einer Pizza in seinem Lieblingsitaliener treffen. Gehring ist Personalchef im Spital Limmattal. Kein Durchschnittstyp, schon gar kein Durchschnittspersonaler. Einer mit viel Lebens- und Berufserfahrung, einer der reflektiert und das Business aus und mit Distanz beobachtet. Und einer mit viel Humor, der gerne lacht. «Mich langweilt ein Leben ohne Lachen. Das gilt auch für das Berufsleben. Humor lässt Probleme wieder auf das Normalmass schrumpfen, er erdet einen wieder und ebnet den Boden für konstruktive Lösungen.» Und Gehring gibt noch einen drauf und fasst zusammen: «Humor ist ein wahrer Sympathieträger, ein Lebensgefühl.»

Der frühere Personalchef des Schweizer Fernsehens spricht Klartext: «Unsere Arbeitswelt ist heutzutage oft unnötig verakademisiert, verstrukturiert und verbissen. So manch einer spielt eine Rolle und gaukelt mit geschwollenen Ausdrücken wichtigtuerisch Professionalität vor, statt Klartext zu reden. Das alles ist manchmal wirklich nur mit einer gehörigen Portion Humor zu ertragen.»

Matthias Gehring setzt auf eine wohltuende Art und Weise einen Kontrapunkt zu den Business Theatern, die landauf landab täglich aufgeführt werden. Ihm ist Humor wichtig, auch in seinem Team. Er achtet schon bei den Auswahlgesprächen darauf, dass künftige Teamkolleginnen oder Teamkollegen lachen und mit Humor umgehen können. «In den Interviews achte ich immer auch darauf, wie die Bewerberinnen und Bewerber mit meinem Humor umgehen. Ich habe gelernt, dass sich daraus interessante und durchaus handfeste Erkenntnisse ableiten lassen. Zum Beispiel die Denkgeschwindigkeit (ich ergänze: könnte man auch gescheit als «geistige Agilität» bezeichnen und wir lachen laut), geistige Frische, aber auch Empathie und Offenheit für andere Menschen. Kompetenzen, die uns allen im HR gut anstehen.»

Stimmt. Recht hat er!

„Jetzt aber wieder ernsthaft“

Matthias Gehring staunt über die Geringschätzung von Humor im Arbeitsumfeld. «Ich habe oft erlebt, wie in wichtigen oder angeblich wichtigen Meetings episch über Unwichtiges debattiert wird. In diesen zähen Momenten wirkt ein lockerer Spruch befreiend. Das Lachen relativiert und ist ein Eisbrecher. Es wirkt wie ein Spiegel, der den Beteiligten vorhält, wie wichtig sie Unwichtiges nehmen. Und doch wird dann schnell das Thema gewechselt, nicht selten mit der Bemerkung: Jetzt aber wieder ernsthaft. Das ärgert mich. Humor ist etwas Ernsthaftes. Es ist nicht damit gleichzusetzen, dummes Zeug zu reden. Humor ist etwas Nützliches, Wichtiges und so gesehen genauso ernsthaft wie die Diskussionen auf der Makroebene und die Statements der Selbstdarsteller in den Meetings.»

Humor bewirkt gerade auch im Businessalltag viele positive Effekte. Matthias Gehring sieht sich in seiner Rolle als Personalchef auf eine gewisse Weise auch als Hofnarr. «Wer, wenn nicht wir vom HR, sollte denn sonst der Gralshüter einer humorvollen Kultur sein?»

Ärgerlich, dass wer oft lacht und so einen wichtigen Teil zu einer positiven Kultur beiträgt, noch immer belächelt und weniger ernst genommen wird. Lachen wird nicht mit professionell gleichgesetzt. Das ist aber grundfalsch, ja geradezu absurd. Das Gegenteil ist richtig: «Wer lacht, hat noch Reserven.» Ich verstehe diese gerne auch als fiesen Chef-Spruch zitierte Weisheit positiv. Wer lacht, verschiebt seine Grenzen. Lachen ist souverän. Das Lachen lacht dem Gegenüber ins Gesicht und sagt: Hey, ich kann noch viel mehr!

Fünf konkrete Tipps für lachende Unternehmen habe ich im neuesten 100 Sekunden Frechmut – Video zusammengestellt:


Auf Wiederlesen

P.S. Ich wollte diesen Artikel eigentlich gerne mit ein paar deftigen HR-Witzen würzen. Ich bin aber nicht wirklich fündig geworden. Wenn Sie einen kennen – her damit!